Potsdam . Brandenburgs früherer Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) und seine Frau Ingrid haben schier Unglaubliches erlebt: Beide erkrankten kurz nacheinander an Krebs. Seither stützt einer den anderen, tröstet, hilft - und hat dabei das eigene Schicksal vor Augen. Über ihr Erleben und ihre Erfahrungen haben sie jetzt gemeinsam ein Buch geschrieben ("Wir haben noch so viel vor"), das an diesem Freitag in Leipzig präsentiert wird.
Am 21. April 2009 offenbarten in der ARD-Sendung "Menschen bei Maischberger" die Talkgäste Stolpe, was bislang nur wenigen Eingeweihten bekannt war: Der SPD-Politiker ist an Darmkrebs erkrankt, bei seiner Frau, einer Allgemeinmedizinerin, ist es Brustkrebs. Sie appellieren, Betroffene nach der Diagnose nicht auszugrenzen oder abzuschreiben.
Eine Darmspiegelung fördert 2004 bei Manfred Stolpe mehrere Polypen zutage, die gleich entfernt werden. Ein größerer soll später operiert werden, jedoch findet der vielbeschäftigte Politiker - damals als Bundesverkehrsminister im Stress wegen der Einführung der Lkw-Maut - erst vier Monate später Zeit dafür, wie er eingesteht. Inzwischen gibt es ein Karzinom, und ein Teil des Darms muss entfernt werden. Seine Frau Ingrid erfährt 2008 von ihrem Brustkrebs. Sie ist da 66 Jahre alt, ihr Mann 68. Beide liegen 2008 gleichzeitig in der Klinik.
"Jetzt begegnen wir uns als zwei Patienten auf Augenhöhe", betonen sie. Sie liebt ihn, weil er fürsorglich und liebevoll sei. Er schätzt an seiner Partnerin die direkte und lebensnahe Art. "Und: Sie ist immer noch sehr attraktiv." Beide lernen sich Ende der 1950-er Jahre kennen. Es folgen Verlobung, Hochzeit und 1968 die Geburt der einzigen Tochter Katrin.
Die Stolpes lassen einander große Freiräume. Nach der Wende baut Ingrid eine Krebsberatungsstelle auf, später startet sie mit 53 Jahren mit eigener Praxis noch einmal durch. Ihr Mann ist seit 1990 Ministerpräsident von Brandenburg und lässt sie nur die notwendigsten Verpflichtungen als First Lady absolvieren. Unter den Stasi-Vorwürfen gegen ihn habe sie gelitten, gibt die Medizinerin ehrlich zu. Anfangs hofft der Regierungschef noch, die Wahrheit, wie er sie sieht, werde sich allein durchsetzen. "Diesen naiven Glauben habe ich heute nicht mehr", stellt er schließlich nüchtern fest.
"Natürlich waren die Kontakte zur Staatssicherheit sehr heikel." Ganz entscheidend sei für ihn aber gewesen, sich niemals auf persönliche Vorteile einzulassen. Durch den Untersuchungsausschuss des Landtages 1994 sieht sich der frühere Konsistorialpräsident der Evangelischen Kirche bestätigt. Der Abschlussbericht sei zu dem Schluss gekommen, er habe nicht schuldhaft mit der Stasi gekungelt. "Wenn ich mich im Nachhinein fragen würde, ob ich alles noch einmal so wie damals machen würde, kann ich das nur bejahen."
Angesichts der aktuellen hitzigen Diskussion über die Stasi- Belastung von Politikern fühlt sich der 73-Jährige an frühere Zeiten erinnert. "In Brandenburg herrscht wieder Jagdfieber." Dass das Stasi-Thema erneut aufs Tapet kommt, sei fast vorhersehbar gewesen. Aber: "Die Intensität, mit der das Ganze jetzt wieder die Schlagzeilen beherrscht, verwundert mich allerdings schon." Es sei wichtig, jeden Fall einzeln zu betrachten.
"Die große Keule zu schwingen ist sicher nicht hilfreich für eine Aufarbeitung der Vergangenheit." Stolpe geht davon aus, dass die SPD ihre Position in Brandenburg in Zukunft nicht nur behaupten, sondern sogar ausbauen kann.
Privat haben sich die Stolpes neue Fahrräder angeschafft - und noch einige große Ziele. "Meines ist die die Goldene Hochzeit im Juli 2011", sagt Ingrid Stolpe. Und der 75. Geburtstag ihres Mannes im selben Jahr sowie ihr eigener 2013. Außerdem vielleicht eine Kreuzfahrt. Zunächst geht es aber über den Dnjepr von Kiew bis zur Krim.
Ingrid und Manfred Stolpe: Wir haben noch so viel vor - Unser gemeinsamer Kampf gegen den Krebs, Ullstein Verlag, Berlin, 221 Seite, 19,95 Euro
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