Biesenthal . Erst kommen die Sonnenstrahlen zurück, dann die Störche. So beginnt der Frühling im Barnim. Diese Woche ist nun der erste Weißstorch in Biesenthal eingetroffen und hat sein Nest belegt. Er hat eine abenteuerliche Reise hinter sich.
Irgendwann im September muss es gekribbelt haben. Vielleicht wurden die Flügel unruhig, und er streckte seinen Hals in die Luft, um etwas Ferne zu schnuppern. Der Biesenthaler Storch ahnte, dass seine brandenburgische Heimat bald von einer kräftigen Kältewelle erwischt werden würde. Es wurde Zeit für ihn, auf eine große Reise zu gehen.
Afrika war sein Ziel, er würde den ganzen Winter unterwegs sein. Alles, was er zum Leben benötigte, würde er in den feuchten Wiesen und Äckern seiner Reiseroute und auf den Müllbergen am Rande der Städte aufpicken.
So versammelte er sich an einem günstigen Septembertag mit ein paar anderen gefiederten Kameraden. Sie begrüßten ihn mit spitzen roten Schnäbeln und warteten zusammen, bis der Abflug losging, von einem staksigen Bein auf das andere tippelnd. Einer Gruppe von ein paar Dutzend Störchen hatte sich der Biesenthaler Storch da angeschlossen, um mit ihnen ins Winterquartier zu starten, wo ihn die Sonne ein bisschen verwöhnen sollte.
Ein kurzer Blick in den inneren, in vielen Storchengenerationen erprobten Reiseatlas sagte ihnen, dass sie eine Strecke über Ost- oder Westeuropa nehmen sollten. Für welche Route sie sich entschieden haben, ist leider nicht bekannt, der Biesenthaler Storch ist nicht beringt. "Störche fliegen ungern über große Gewässer", soviel ist jedenfalls sicher, wie der Barnimer Storchenexperte Gerhard Meyer berichtet. Um das Mittelmeer machen sie einen großen Bogen. Wie sollten sie in seinen Hochseewellen auch Futter finden? Frösche, Mäuse, Schnecken und andere Kleintiere stibitzt der Biesenthaler Weltenbummler nur auf dem Festland. Maximal eine Meerenge kann der Storch so überqueren. Westzieher passieren dabei Frankreich und Spanien, bis sie über die Straße von Gibraltar afrikanische Lüfte erreichen. Ostzieher lassen die Dächer des Balkans und der Türkei unter sich, segeln über den Bosporus weiter nach Israel und über den Golf von Suez nach Ägypten. Dann ist Afrika erreicht. Sie können sich für ein paar Wochen ein sonniges Plätzchen auf dem riesigen Kontinent suchen. Doch wo der Biesenthaler Storch und seine Mitreisenden genau Quartier genommen haben - es bleibt ihr Geheimnis.
Lange konnten sie dort nicht bleiben. 10 000 Kilometer schafft auch ein Storch mit seinen wuchtigen, zwei Meter breiten Flügeln nicht in wenigen Tagen. Zwischen 100 und 300 Kilometern segeln die Zugvögel pro Tag ihrem Ziel entgegen. Sie gönnen sich hin und wieder eine Pause fürs Ausruhen und für Nahrungssuche. Bis zu drei Monaten brauchen sie für eine Tour. Ein, vielleicht zwei Monate verweilen sie im Süden. Dann geht es wieder nach Hause. Der Weg ist das Ziel, das gilt auch ein bisschen für Störche.
Anfang Januar muss es wieder so weit gewesen sein, da kam das Kribbeln zurück. Nach Brandenburg, nach Brandenburg! Möglichst schnell, notfalls auch alleine. Zusammen fliegen sie los, alleine kommen sie zurück - das ist die Reisekultur der Störche.
Letzten Mittwoch ging dann der Anruf bei Gerhard Meyer ein: "Der Storch ist wieder da", meldete eine Biesenthalerin. Jetzt liegen neue Abenteuer vor ihm. Sein Nest macht er erst hübsch, stattet es mit neuen Hölzern aus, dann lädt er eine Storchendame ein. Er wird mit ihr lustvoll schnäbeln, mit ihr Hochzeit feiern und mit ihr eine neue Brut aufzuziehen. Zwischen zwei und fünf Jungen werden in sein Nest schlüpfen, bevor auch sie wenige Monate später auf eine lange Reise gehen.
Weitere Storchrückkehrer bitte bei Gerhard Meyer melden unter Telefon 033398 7058 oder 0171 6845857.
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