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Urteil gegen U-Bahn-Schläger - "bitte nicht in den Jugendknast"

München . Sie entschuldigen sich, geloben Besserung, leisten Nie-Wieder-Versprechen, reden vom Wunsch nach "normalem Leben" - doch schon von der Anklagebank kommen Sonderwünsche: "Herr Richter, bitte, ich möchte nicht in den Jugendknast gehen, da ist es voll stressig", sagt der 18-jährige Spyridon L.. Mit Serkan A. (21) hat er einen pensionierten Realschuldirektor zusammengeprügelt, der auf das Rauchverbot in der U-Bahn hingewiesen hatte. Am 8. Juli will Richter Reinhold Baier das Urteil vor der Jugendkammer am Landgericht München verkünden - dass der Grieche und der Türke eine Haftstrafe bekommen, gilt als sicher.

  U-Bahn-Schlõger: Serkan A. (l) und Spyridon L. (r) haben einen pensionierten Lehrer in M³nchens U-Bahn brutal zusammengeschlage. Das Urteil im Prozess soll nun am 8. Juli gesprochen werden. Foto. dpa ©

Kurz vor Weihnachten hatten sie, damals 17 und 20 Jahre alt, vor laufender Überwachungskamera Bruno Hubertus N. von hinten niedergeschlagen und mit 13 Schlägen und Tritten lebensgefährlich verletzt. Der 76-Jährige, auf dem Heimweg von einer Weihnachtsfeier, erlitt einen dreifachen Schädelbruch und eine Gehirnblutung. Gutachter attestierten den Angeklagten hohe Aggressivität, Ich- Bezogenheit und dissoziale Züge.

Staatsanwalt Laurent Lafleur verlangte für Spyridon neun Jahre Jugendstrafe und für Serkan zwölf Jahre Haft nach Erwachsenenrecht. Für ihn war die Tat versuchter Mord. Dass sie dem Verletzten nicht halfen, sondern noch den Rucksack stahlen, mache ihn fassungslos. Trotz des Alkoholkonsums seien beide schuldfähig, er hält ihnen aber alkoholbedingte Enthemmung zugute. "Dass der Alkohol nicht völlig folgenlos blieb, ist klar." Ihre Reue glaubt er nicht: "Aufrichtige Reue habe ich im Ergebnis bei den beiden Angeklagten nicht wahrgenommen."

Die Verteidiger wiesen den Vorwurf des Mordversuchs zurück. Spyridons Anwalt Wolfgang Kreuzer will ein "angemessenes Urteil". Serkans Anwalt Oliver Schmidt plädierte auf zweieinhalb Jahre Haft, der zweite Verteidiger Florian Wurtinger auf maximal vier Jahre. Serkan drohe Abschiebung, er habe auf ewig das Stigma des "U-Bahn- Schlägers". "Es wird von ihm kein Hund dann eine Wurst nehmen."

Bruno Hubertus N., der seit der Tat unter Konzentrationsschwäche und Schwindel leidet, hat Entschuldigungen abgelehnt. "Ich habe es gehört - aber wo ist mein Fotoapparat?", sagt er, als er vor Gericht auf seine Peiniger trifft. Sein Rucksack wurde gefunden, aber die Kamera fehlte. Trocken schildert er auch, wie mit seinem Fall in Hessen und Bayern Wahlkampf gemacht wurde. Ein Bäcker in Darmstadt habe ihm Croissants geschenkt ungefähr mit Worten wie: "Für dich kostet es nichts." Zurück in München sah er das Wahlplakat der Münchner CSU, es zeigte ihn am Boden und einen tretenden Mann. "Das musste wirklich nicht sein, dass man mich da als Mehlsack auf dem Fußboden sieht - und möchte damit eine politische Aussage treffen."

Alkohol, Drogen und Gewalt prägten den Alltag der Angeklagten, die nun blass und mit ernsten Mienen vor Gericht sitzen. Spyridon rauchte mit 13 Jahren Zigaretten und Haschisch, Serkan war 15, als er mit Alkohol anfing. "Was haben Sie denn damals gedacht, wie es weitergehen soll? Keinen Schulabschluss, überall rausgeflogen, keinen Job, kiffen, trinken?", fragt der Richter den Griechen. Und mit Blick auf diverse Rauschmittel: "Haben Sie sich denn mal überlegt aufzuhören?" Der junge Mann hebt die Hände: "Mir war so langweilig, ich wusste nicht, was ich mache den ganzen Tag." Der Abstieg begann für ihn mit dem Umzug der Familie nach Deutschland just am 11. September 2001 - er kam nicht mehr zurecht.

Dem älteren Serkan geben Gutachter kaum Chancen auf Änderung. Der Jugendpsychiater Franz Joseph Freisleder bescheinigt ihm eine "festgefahrene Neigung zu delinquenten Handlungen", "sehr geringe Anstrengungsbereitschaft und mangelndes Durchhaltevermögen". Anders als Spyridon, der in der Haft Hauptschulabschluss und Lehre machen will, hat Serkan keine Ausbildungspläne geäußert. Früh, da sind alle einig, prägte Serkan familiäre Gewalt. Der Vater brach ihm die Nase, die Mutter floh ins Frauenhaus. Freisleder sagt aber: "Ich würde ausdrücklich dafür plädieren, die aufscheinenden Reste von Entwicklungsmöglichkeit wahrzunehmen und zu fördern."

Still folgt Serkans Freundin den Ausführungen, schüttelt manchmal leicht den Kopf. Sie will ihn heiraten, beide haben eine achtmonatige Tochter. Serkans Mutter, die im Rollstuhl im Publikum sitzt, wirkt müde. "Sie war nicht in der Lage, ihm Grenzen zu setzen", sagt eine Sozialpädagogin. Es bleibt offen, ob die Mutter, die gebrochen deutsch spricht, die Worte verstanden hat.

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