. Berlin Als die Mauer 1961 errichtet wurde, war Johannes Heisig acht Jahre alt. Da hatte der Sohn des großen Maler-Vaters Bernhard Heisig (83) in Leipzig sicherlich kaum begriffen, was im fernen Berlin passierte. Das geschah später. Reibungen und Irritationen gab es wohl schon sehr früh. Privat und gesellschaftlich. Der "junge Heisig", wie man ihn zu seinem Leidwesen noch heute nennt, der unter strenger väterlicher Ägide in seiner Geburtsstadt Malerei studierte, suchte und fand seinen eigenen Weg.
D³stere Erinnerung: F³r Johannes Heisig war die Mauer an der Bernauer Stra▀e ein Symbol f³r Tod und Gewalt - aber auch f³r individuelle Schicksale mehrerer Generationen. Foto: Promo
Als die Mauer 1989 fiel, war er schon längst aus dem überväterlichen Schatten herausgetreten. Seit 2000 ist Berlin sein fester Wohnsitz. Der 55-Jährige, der einst neben Hubertus Giebe und Walter Libuda zur Troika der geduldeten "Jungen Wilden" der DDR zählte, ist besonders als Maler expressiver Figuren und Porträts u.a. von Willi Brandt, Egon Bahr und Johannes Rau bekannt. Um das Thema "Berliner Mauer" allerdings ist er nach eigenen Worten jahrelang "herumgeschlichen". Bis vor einem Jahr, als ihm vorgeschlagen wurde, sich an einem Plakatwettbewerb für die "Gedenkstätte Berliner Mauer" zu beteiligen. Wegen der Kürze der Zeit sagte er ab. Das Thema aber ließ ihn nicht los. Bald griff er zu Pinsel und Palette. Ort seiner Malaktivitäten wurden die Mauerüberbleibsel an der Bernauer Straße, wo vor 47 Jahren der Bau des "antifaschistischen Schutzwalls", der tiefste Einschnitt der Berliner Nachkriegsgeschichte, ihren Anfang nahm.
"Es war einmal", nennt der Künstler seine "Bilder vom Erinnern, den Erinnerungen und dem Innern". Der aus 14 großformatigen Sichten bestehende Zyklus ist seit dem 13. August im Abgeordnetenhaus in Berlin-Mitte ausgestellt. Märchenhaftes, wie es der Titel suggerieren könnte, sucht der Betrachter allerdings vergeblich. Heisig, der von einem Psychogramm spricht, hat seine Erinnerungen auf Menschen dreier Generationen konzentriert: die Generation seiner Eltern, seine eigene und die seines 26-jährigen Sohnes Hermann.
Die verstorbene Mutter, eine Keramikbildhauerin, gemalt als nachdenklich dreinblickende Frau im Rollstuhl, ist Mauergeschichte pur: 1956 trennen sich die Eltern des Dreijährigen. Nach der Scheidung geht Brunhild Schmidt-Eisler 1960 nach Frankfurt am Main, will auswandern und versucht im Sommer 1961, ihre Kinder aus Leipzig zu sich zu holen. Der 13. August wird ihr Schicksalsdatum. Auf der Leinwand daneben fühlt sich der greise Vater im Rollstuhl inmitten seiner Schöpfungen im Atelier von Bildern der Vergangenheit bedrängt: tote Soldaten, auf ihn gerichtete Bajonette, Flammen, schwelende Ruinen am Ende.
Als Protagonisten seiner Generation agieren Pfarrer Manfred Fischer, dessen Kirche im Todesstreifen an der Bernauer Straße gesprengt wurde und eine Berlinerin, die 1988 die DDR verließ, im Westen nicht Fuß fasste und heute wieder in Berlin lebt. Im letzten Bild stürzt "Ikarus" im Licht der untergehenden Sonne in den Tod. Hier erzählt Heisig die tragische Geschichte eines Ostberliners, der mit einem Ballon in den Westen fliehen wollte, vom Wind zurück nach Pankow abgetrieben wurde und verunglückte. Das Expressive des früheren "Jungen Wilden" ist dem Nüchternen gewichen. Auch in der Farbgebung. Mauer und Stacheldraht, nachvollzogen vom Dach der Gedenkstätte Bernauer Straße, bilden die Kulisse. Äußere Begrenztheit hatte innere Enge zur Folge.
Johannes Heisig, Mauerbilder "Es war einmal", Berliner Abgeordnetenhaus, Niederkirchnerstraße 5, bis 5.9. Mo-Fr 9-18 Uhr
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