Angermünde . Angermünde Uckermärkische Grundschüler haben es schwer. Bis zu einem Drittel ihres Körpergewichts lastet auf ihren Schultern. Übergewichtige Schulmappen drohen, einer ganzen Kindergeneration das Kreuz zu verbiegen, warnen die Kinderärzte des Gesundheitsamtes. Sie haben bei Stichproben in 6. Klassen alarmierende Werte gemessen.
Mathe, Deutsch, Geografie, Englisch, Physik, Sport. Für jedes Fach ein Lehrbuch, Arbeitshefte, ein Wörterbuch, Schnellhefter, Federtasche, Brotdose, Trinkflasche. Dazu Turnbeutel mit Trainingsanzug und Turnschuhen. Was Schulkinder täglich zwischen Haustür und Schulbank hin- und herschleppen, sprengt schnell die Dimensionen einer Kurzreise, was Platzbedarf und Gewicht der Utensilien betrifft. Zehn Kilogramm und mehr wuchten die Kinder tagtäglich auf ihren Schultern, egal ob diese kräftig breit oder schmächtig sind. Viel zu viel, warnen die Kinder- und Jugendärzte des Gesundheitsamtes im Landkreis Uckermark.
Sie prüften während der Reihenuntersuchungen in den 6. Klassen auch das Gewicht der Schulmappen und lieferten erschreckende Ergebnisse. "Kinder, gerade in den höheren Klassen, müssen täglich Lasten tragen, die keinem Erwachsenen zugemutet werden", sagt Amtsärztin Dr. Michaela Hofmann. Von den 740 untersuchten Sechstklässlern hatte nur jeder Fünfte eine Schulmappe, die die Höchstlast von zehn Prozent des Körpergewichts nicht überschritt. In nur fünf von 33 Schulen wurde dieser Grenzwert überhaupt unterschritten.
"Schüler der 6. Klasse sind elf bis zwölf Jahre alt und wiegen durchschnittlich 40 bis 50 Kilogramm. Die Schulmappen dürften also nur maximal vier bis fünf Kilogramm schwer sein", rechnet Michaela Hofmann vor. Tatsächlich wogen die meisten Schulmappen mehr als doppelt so viel, die schwerste Mappe 16 Kilo. Dabei sind außerdem erhebliche konstitutionelle Unterschiede bei gleichaltrigen Kindern zu berücksichtigen, die auch die körperliche Belastbarkeit beeinflussen.
Ein Beispiel: Tobias und Jan sind beide elf Jahre alt und Schüler einer 6. Klasse in Prenzlau. Tobias wiegt 50 Kilo und ist 1,60 Meter groß, Jan wiegt bei 1,34 Meter Körpergröße 30 Kilo. Ihre beiden Schulrucksäcke brachten je neun Kilo auf die Waage. "Die Schulmappen sind für beide Kinder deutlich zu schwer. Jan trägt seit Jahren ein Drittel seines Körpergewichts!", mahnt Michaela Hofmann und weist auf die gesundheitlichen Folgen gerade bei Kindern im Wachstum hin. Durch die jahrelange Überlastung können sich Haltungsfehler verfestigen und Wirbelsäulenschäden verursacht werden. Auch die Gelenke werden überansprucht.
Für Erwachsene berechnet würde das bedeuten, dass eine Frau mit 60 Kilogramm Gewicht eine 20 Kilo schwere Tasche wuchten müsste, ein 90-Kilo-Hühne 30 Kilo. "Für diese tägliche Dauerlast würden Erwachsene ziehbare Koffer verwenden oder Arbeitsmediziner einschalten", mahnt die Amtsärztin. "Unser Kinder- und Jugendgesundheitsdienst versteht sich als Arbeitsmediziner der Schüler. Wir haben die Pflicht, auf dieses Problem aufmerksam zu machen und kontrollieren deshalb bei unseren regelmäßigen Schuluntersuchungen auch die Last der Schultaschen", erklärt Michaela Hofmann.
Das Problem ist nicht neu. Um so wichtiger sei es, Eltern und Lehrer aufzuklären, aufzurütteln und Verantwortliche zum Handeln zu bewegen. "Sicher neigen Kinder dazu, zu viele Dinge mitzuschleppen. Der Mappeninhalt sollte deshalb gemeinsam regelmäßig kontrolliert werden. Doch das allein löst das Problem nicht", weiß Michaela Hofmann. Weniger überfrachtete Stundenpläne, Klassensätze mit Schulbüchern und Nachschlagewerken, Schließfächer, bessere Abstimmung zwischen den Lehrern und mit den Schülern könnten helfen. Das Gesundheitsamt hat seinen alarmierenden Bericht an alle Schulleiter geschickt, das Staatliche Schulamt informiert und bietet Informationsveranstaltungen an, damit uckermärkische Schüler künftig "leichter" lernen.
In der DIN-Norm 58124 sind sicherheitstechnische und körpergerechte Anforderungen an Schulranzen beschrieben. Dabei ist besonders auf den ergonomisch korrekten Sitz der Schulmappe zu achten. Der Ranzen darf nicht zu weit unten am Rücken hängen (Trend bei Teenagern). Die Tragegurte sollten an den Schultern gut gepolstert und verstellbar sein. Ein verdickter, ergonomisch geformter Taschenrücken verhindert Druckstellen.
Das Höchstgewicht für den Schulranzen samt Inhalt sind zehn Prozent des Körpergewichts des Kindes. Für einen Erstklässler wären das durchschnittlich nur zwei Kilogramm!
Neuerdings gibt es auch Schulranzen auf Rollen.
Es geht auch anders, entdeckten die Mediziner des Gesundheitsamtes. In der Gramzower Schule starteten die Lehrer eine Aufklärungsaktion für Schüler und Eltern und beziehen das Thema in den Unterricht mit ein. Die Kinder wiegen z. B. ihre Schultaschen, ihr eigenes Gewicht und üben daran Prozentrechnung. In den freien Schulen bleiben Schulmaterialien überwiegend in der Schule. Positiv schnitten im Lastenvergleich auch die Diesterweg-Schule Prenzlau, die Grundschule Gartz und die Lindgren-Schule Schwedt ab.
Um schwere Schultaschen sorgten sich auch frühere Generationen und fanden Lösungen, die nachahmenswert sind. 1894 forderte ein Preußischer Mädchenschulerlass, dass Bücher in Doppelexemplaren für daheim und für den Klassenraum vorhanden sein sollen, um Kinder vor Haltungsschäden zu bewahren. Die "Wissenschaftliche Deputation für das Medizinalwesen in Preußen" verlangte die regelmäßige Kontrolle des Schulmappengewichts. In Schweizer Schulen wurde 1865 das Aufstellen von Schränken für Bücher angeordnet.
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