Potsdam . Das Kulturministerium hat einen Entwurf zur Gedenkstättenkonzeption Brandenburg vorgelegt. Bis zum Sommer soll beispielsweise darüber diskutiert werden, ob und in welcher Form in Schwedt (Uckermark) an das berüchtigte DDR-Militärgefängnis erinnert werden soll.
Umgeben von Mauern und Stacheldraht: das ehemalige NVA-Gefõngnis in Schwedt. Viel mehr als ein Wachturm ist heute nicht mehr zu sehen. Foto: MOZ/Karl-Heinz Wendland
"Wieso Schwedt, wieso Gedenkstätte? Da ist doch gar nichts mehr zu sehen", wunderte sich am Freitag Corina Müller, Pressesprecherin der Stadtverwaltung Schwedt. Im Konzept von Kulturministerin Johanna Wanka (CDU) wird darauf verwiesen, dass "der Begriff "Schwedt" für jeden Soldaten der NVA als Drohung im Raum stand." Wer nicht parierte, wer kriminell wurde oder am falschen Ort sich politisch äußerte, konnte in das einzige Militärgefängnis nach Schwedt kommen, heißt es in dem Papier. Militärangehörige wurden zum Teil auch ohne Urteil in dieses Gefängnis samt Arbeitslager geschickt. Die Möglichkeit Besuch zu empfangen, bestand nicht.
Ministeriumssprecher Holger Drews verwies darauf, dass man bis zum Sommer über das Konzept diskutieren wolle. Er räumte ein, dass im Vorfeld seitens des Landes nicht mit der Stadt über diesen Erinnerungsort geredet wurde. Ob der berüchtigte Militär-Knast der DDR letztlich in der Konzeption bleibt, werde davon abhängen, ob sich vor Ort Vereine oder Betroffenenverbände finden, die dieses Anliegen vorantreiben.
Anna Kaminsky, Leiterin der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, plädiert dafür, eine Gedenktafel am ehemaligen Standort zu errichten. Außerdem sollte das Stadtmuseum über diesen Teil der Geschichte berichten. Die Stiftung hatte im Jahr 2000 zusammen mit dem Mitteldeutschen Rundfunk einen Dokumentarfilm gedreht, in dem erstmals Zeitzeugen über ihre Erfahrungen berichteten. Der Titel lautete: "Wer dort war, schweigt."
Das Schwedter Museum würde gern diesen Teil der Geschichte dokumentieren, sagte am Freitag Mitarbeiterin Karin Herms. In den vergangenen Jahren hatte man versucht, mit ABM-Kräften Zeitzeugen zu befragen, war aber schnell an die Grenzen gestoßen, da nach wie vor kaum jemand darüber berichten wolle. Die ständige Ausstellung der Stadt endet um 1900 - eine Frage des Platzes, des Geldes, der Kapazitäten. Für eine entsprechende Sonderausstellung fehle das Material. Als Anfang der 90er die Gefangenenbaracken abgerissen wurde, dachte niemand daran, Material sicherzustellen. Heute befindet auf einem überwucherten Gelände noch ein Wachturm. Ein ehemaliger Verwaltungsbau dient inzwischen als Obdachlosen-Unterkunft der Stadt
Das Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA) in Potsdam hat sich bereits wissenschaftlich mit der Militärjustiz in der DDR beschäftigt. Rüdiger Wenzke, der den entsprechenden Forschungsbereich leitet, verwies am Freitag darauf, dass seit Jahren nach den Prozess- und Gefangenenakten der Anstalt gesucht wird. Nur die offizielle Chronik sei vorhanden.
Todesfälle und Folterungen sind laut Wenzke bislang nicht belegt. Allerdings sei durch harten Drill, schwere körperliche Arbeit und psychischem Druck systematisch versucht worden, die Gefangenen zu brechen. Der negative Mythos samt der Drohung "Du kommst nach Schwedt!" sei bewusst in der ganzen Armee verbreitet worden.
Die stellvertretende Fraktionschef der SPD, Klara Geiwitz, verwies darauf, dass man die Stadt Schwedt nicht mit der Problematik allein lassen dürfe. Schließlich habe das Militärgefängnis eine Bedeutung für alle neuen Bundesländer. Das Land müsse entsprechende Forschungsprojekte und eine Dokumentation auch finanziell unterstützen.
Das will das Potsdamer Kulturministerium von der Debatte der kommenden Monate abhängig machen. Die Gedenkstättenkonzeption unter dem Titel "Geschichte vor Ort: Erinnerungskultur im Land Brandenburg für die Zeit von 1933 bis 1990", die auf der Internetseite des Ministeriums einsehbar ist, soll dazu die Grundlagen legen.
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