Berlin . Warum sollte man sich Bilder ansehen, auf denen Menschen an Ampeln herumstehen? Drei Jahre lang ist der Fotograf Andreas Göx mit der Kamera durch Berlin gewandert, im Sucher nichts als Ampeln und deren Benutzer. Das Ergebnis ist derzeit im Museum für Kommunikation zu besichtigen - und lässt unterschiedliche Antworten auf die Frage nach dem "Mehrwert" zu. Für alle Wimmelbuch-Fans und Dok-Film-Freunde erzählen die Bildfolgen Kurzgeschichten. Im alltäglichen Gewimmel der Großstadt frieren die Farbfotos Szenen ein, fast wie Kino: Wir sehen den betagten Mann im Kampf mit seinem Handy, intensiv beobachtet von einem türkischstämmigen Dicken, beide so vertieft, dass sie die Grünphase verpassen. Die Schöne im Minirock mit dem Fußball unter dem Arm. Drei Männer im Anzug, die ein liegengebliebenes Auto anschieben. Und näher als an dieser Ampel werden sich die gutgekleidete Dame mit Perlenkette und der Mann, der neben ihr in der Mülltonne wühlt, wohl kaum kommen.
Wo Berlin alle paar Minuten innehõlt: "Geschichten von Menschen und Ampeln" zeigt Fotos von Andreas G÷x - so wie dieses. Foto: Museum f³r Kommunikation
An der roten Ampel hält die Stadt kurz inne. Der urbane Fluss, das schnell-weiter entfällt zwangsläufig, es kommt zu kurzen Blickkontakten, zum Wahrnehmen der Umgebung. Passanten zünden eine Zigaretten an, kramen in Taschen, starren die Plastiktüte des Nachbarn an. Vergleichbar mit der Situation in U-Bahn oder Aufzug werden Fremde zu Sekunden-Partnern, denen man für kurze Zeit räumlich nahe kommen muss.
Der Künstler selbst hat die Soziologen unter den Ausstellungsbesuchern im Blick. Man könne aus den Bildern viel "herauslesen", findet Göx und etwa erkennen, ob Menschen ein Paar seien und ob jemand vom einkaufen oder aus dem Büro käme. An einem älteren Ehepaar, das Göx nur von hinten ablichtete, sei für den Betrachter "etwas Bürgerliches, Vertrautes, Respektvolles" erkennbar, ohne dass auf dem Rücken des Paares stehe, "wir sind seit 40 Jahren verheiratet". Und auch das Sozialgefüge der Stadt zeigten die Ampelbilder. In Moabit seien andere Bilder entstanden als am geschäftigen Potsdamer Platz. Die Menschen warten dort anders und halten auch ganz andere Tüten in der Hand. Auch die Ausdruckssprache seiner menschlichen Motive sei von Bezirk zu Bezirk anders.. So habe er im Ausdruck der Passanten in Berlin-Moabit eine gewisse Aggressivität festgestellt, die in Berlin-Steglitz nicht zu finden sei.
An rund 500 Berliner Fußgängerampeln hat der Fotograf Andreas Göx von 2005 bis 2007 rund 10 000 Bilder gemacht. Gezeigt wird nur eine sehr kleine Auswahl. Der Berliner (geb. 1960) hat schon für mehre Projekten seine Stadt mit der Kamera und einem spezifischen Blick durchkämmt, Hauseingänge waren es vor ein paar Jahren und für "Time out" (2004) hat er 3000 leere Läden in Berlin fotografiert. Ungewöhnliche Stadtporträts allesamt, immer an der Schnittstelle zwischen dem öffentlichen und privaten Leben.
Museum für Kommunikation, Leipziger Straße 16, Berlin-Mitte; geöffnet Di-Fr 9-17 Uhr
Sa/So/Feiertag 10-18 Uhr; Eintritt: 3, erm. 1,50 Euro
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