Frankfurt (Oder) ArrayDa schleppt sich einer im Winter verzweifelt durch die Nacht. In seinem Inneren kocht eine heiße Sehnsucht nach seiner Liebsten. Außen gefrieren ihm die Tränen im Gesicht. Er ritzt ihren Namen ins Eis. Er sieht die Wolken am Himmel, die so zerfetzt sind wie sein Herz. Als er am Ende seiner Irrfahrt vor einem alten Mann mit einer Leier steht, dessen Hunde ihn anknurren, läuft er über vor Todessehnsucht und Hoffnungslosigkeit.
Auf dem Thron: F³r seinen Prinz Orlofsky wurde Jochen Kowalski genauso mit Lob ³bersch³ttet, wie f³r seine Hõndel-Interpretationen. Jetzt versucht er sich an Schuberts "Winterreise". Foto: Andre Kowalski
Es war Wilhelm Müller, der das lyrische Ich dieser Wanderung in Verse goss, die jene Schwermut und jene überreizte Empfindsamkeit atmen, in die die Romantiker ganz verliebt waren. Seine Worte sind durch die Musik Franz Schuberts unsterblich geworden. Denn der Zyklus "Die Winterreise" gehört zu den schönsten und anspruchsvollsten Kompositionen, die für Singstimme geschrieben wurden.
Die größten Sänger haben sich daran versucht. Richard Tauber natürlich vor mehr als 80 Jahren oder der geniale Bariton Dietrich Fischer-Dieskau, der die Winterreise sowohl mit Daniel Barenboim (1980) als auch mit Alfred Brendel (1985) einspielte. Die Bassbaritone Theo Adam und Dominik Wörner haben die Winterreise gesungen, und auch Frauen wagten sich an diese höchst schwierige Männerrolle - die Mezzospranistinnen Christa Ludwig und Brigitte Fassbaender zum Beispiel und in jüngster Zeit die Sopranistin Christine Schäfer.
Nun möchte Jochen Kowalski die Winterreise so vortragen, wie sie noch nie zu hören war. Er verspricht eine Weltpremiere, wenn er den Zyklus am 21. November in Alt Madlitz singt. Er ist der erste Countertenor, der sich an dieses Stück wagt. Und er tut das nicht leichtfertig. Er hatte sich schon vor vielen Jahren von dem Liederzyklus gefangen nehmen lassen und hatte ihn als fernes Ziel vor Augen, seit er Peter Schreier "Die Winterreise" in Berlin singen hörte und Kowalski bei Marianne Fischer-Kupfer Gesangsunterricht nahm. Nur traute er sich damals nicht. Als junger Mensch hielt er sich dafür noch nicht reif genug. Um "Die Winterreise" als Sänger glaubhaft wiedergeben zu können, glaubt Kowalski, brauche es Lebenserfahrung, die er jetzt habe.
Kowalski hat sich, seit der große Harry Kupfer, der Mann seiner Gesangslehrerin, ihn entdeckte, langsam an diesen Zyklus herangesungen. Kupfer war Leiter der Komischen Oper, als Kowalski 1983 an das Haus kam. Und er war ein Mann, der künstlerische Maßstäbe setzte. Er inszenierte noch zu DDR-Zeiten in Kopenhage n , Barcelon a , San Francisc o , Moska u und auf den Festspielen von Bayreuth und Salzburg. Dieser weltläufige, geniale Kupfer überzeugte Jochen Kowalski, die Pläne, als Wagner-Tenor Karriere machen zu wollen, fahren zu lassen und es stattdessen als Countertenor zu versuchen. Theo Adam prophezeite dem jungen Sänger: "Mit der Stimme machst du eine Weltkarriere".
Kupfer öffnete Kowalski damit nicht nur an der Komischen Oper alle Türen, sondern gab die Initialzündung für eine Laufbahn, die den Countertenor schon in jungen Jahren um den Globus und in eine Welt hinausschickte, die er für sich verschlossen glaubte. Nicht nur deshalb waren diese Jahre für Kowalski eine so glückliche und prägende Zeit. Der Metzgersohn, der als Kind lieber singen als Fußball spielen wollte, der mit 14 Jahren lieber Richard Tauber hörte statt Rockmusik, fühlte sich in Berlin an der Komischen Oper angekommen. Schwärmerisch spricht er heute noch von dem besonderem Klima und der Arbeitsatmosphäre, die es dort gab, dem Publikum und der Geschichte dieses Hauses, das durch Walter Felsenstein in der Nachkriegszeit zu einer der Geburtsstätten des modernen Musiktheaters wurde und damit zu Weltruhm kam.
Etliches von diesem Glanz färbte auch auf Jochen Kowalski ab. Der Countertenor bekam schon früh reichlich Gelegenheit, sich zu entfalten und zu experimentieren.
Er wurde zum Star, glänzte in den Händel-Opern " Giustin o ", und " Julius Caesa r ", deren tragende Partien der Komponist ursprünglich für Kastraten geschrieben hatte. Kowalski singt sie nicht mit Falsett-, sondern mit seiner natürlichen Stimme, weshalb er seine Stimmlage lieber männlichen Alt als Countertenor nennt. Es kommt ihm noch heute wie ein Wunder vor, dass er wegen der Exotik seiner Stimmlage nicht in eine angestaubte Nische geschoben wurde, sondern solche Entfaltungsmöglichkeiten bekam. Das hat auch etwas mit seiner Neugier und seiner Ungeduld tun. Anders als viele seiner Kollegen, die sich als Countertenöre nicht aus dem Kosmos der Alten Musik wagen, hat sich Jochen Kowalski musikalisch nicht einsperren lassen. "Das hätte Langeweile, das hätte Rückschritt bedeutet", sagt er. "Irgendwann würde es sich erschöpfen und das ist das Schlimmste."
Deshalb versuchte sich der Sänger an Operetten. Ein gewagtes und gelungenes Experiment. Sein Prinz Orlofsky in Johann Strauß ' "Fledermaus" wird eine seiner gefeiertsten Rollen, mit der er auch 1987 in Wien debütierte. "Man darf die Operette nicht unterschätzen", sagt der Sänger. "Operetten haben es in sich."
Jochen Kowalski hat sich aber noch weiter von seinen klassischen Rollen entfernt, hat Swing gesungen, Jazz und Schlager und kehrt über Liederzyklen wie "Die Winterreise" oder die "Schöne Müllerin" zurück zum Kern seines Metiers. "Ich liebe diese Abwechslung und die damit einhergehenden Herausforderungen", sagt er. "Auch auf die Gefahr hin, dass das nicht jedem gefällt."
Und er steht natürlich auf der Opernbühne, in Wien - wo er seit 1987 ein regelmäßiger Gast ist - bald mehr als in Berlin, wo er offiziell noch dem Ensemble der Komischen Oper angehört. Im "Theater an der Wien" verschlägt es ihn bald als todkranken Fürsten Holszanski in die Masuren. "Die Besessenen" heißt die Oper von Johannes Kalitzke. Uraufgeführt wird sie am 19. Februar 2010.
Vorher aber wartet Alt Madlitz, wo Jochen Kowalski zusammen mit dem Pianisten und Kapellmeister Diedrich Sprenger "Die Winterreise" singen wird. Letztes Jahr war er dort bereits mit Dieter Mann zu Gast. "Wenn es gut geht, werden wir das Stück auch anderswo zeigen", sagt Kowalski.
Seit einem Jahr bereitet er sich auf diese Premiere vor. Ob zu Hause, ob am Strand an der Ostsee, er habe nur noch "Die Winterreise" im Kopf, sagt er. "Es ist aber auch eine Menge Text."
21.11., 19 Uhr, Theaterforum Alt Madlitz, Tel. 033607 219

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