Donnerstag, 2. September 2010

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Kinderhospiz: Mitfühlen statt Mitleiden

Berlin ArrayEmilia ist ganz anders als ihr Zwillingsbruder Lennard. Sie ist einen halben Kopf kleiner, ist untergewichtig und hat einen Herzschrittmacher. Mit zweieinhalb Jahren lag sie schon zwölfmal im Krankenhaus. Ihr eigenes Herz schlägt nicht links, sondern auf der rechten Seite. Die Altersprognose für das dunkelblonde Mädchen mit den großen braunen Augen ist ungewiss. "Wird sie 10, wird sie 20 - keiner weiß es", sagt ihre Mutter Daniela Schulz. "Emilias Haut schimmert immer ein bisschen bläulich, weil sie zu wenig Sauerstoff im Blut hat." Sie kann ihre Tochter "keine Minute allein lassen". Nur, wenn die Familienbegleiterin vom "Berliner Herz" da ist, hat Daniela Schulz mal Zeit für etwas anderes. Zum Beispiel kann sie mit dem gesunden Sohn etwas unternehmen oder einkaufen. Das Projekt "Berliner Herz" vermittelt seit einem Jahr ehrenamtliche Begleiter an Familien mit unheilbar kranken Kindern.

  Bei einem schwer kranken Kind leidet auch die Familie mit - Renate Glock (l) will Daniela Schulz und deren Zwillingen Emilia und Lennard helfen. Foto: ddp ©

Die Familienbegleiterin heißt Renate Glock, doch seit Dezember wird sie "Oma Reni" gerufen. Die Mittfünfzigerin sieht jünger aus, aber der Spitzname macht sie glücklich. "Renate kam ganz normal zu Besuch, und auf einmal sagte Emilia: ,Die Oma ist da'", erzählt die Mutter. Die Helferin schaut mindestens zweimal die Woche bei der alleinerziehenden Mutter und den Zwillingen vorbei, geht mit den Kindern auf den Spielplatz, unterhält sich mit der Mutter. Einmal die Woche muss Emilia zum Kardiologen, dann kümmert sich Oma Reni um Lennard. "Die gesunden Kinder leiden auch", sagt die Sozialpädagogin Christiane Edler vom ambulanten Kinderhospiz "Berliner Herz". Mit der Ausbildung und Vermittlung von Ehrenamtlichen ist das Projekt nach ihren Angaben das einzige rein ambulante Kinderhospiz in Berlin. "Wie unsere Leute in den Familien helfen, ist unterschiedlich, das sprechen die Beteiligten individuell ab." Im "Berliner Herz" werden bereits mehr als 50 Betroffene betreut. Zunächst gehe es darum, die Eltern bei den Alltagsgeschäften zu entlasten. Ein schwer krankes Kind koste viel Energie, die dann für die Geschwister fehle. Deshalb kümmerten sich die Ehrenamtlichen auch um die Brüder und Schwestern des Patienten. "Da entstehen viele Freundschaften. Die Eltern wollen oft einfach nur mit jemandem reden", sagt Edler.

Das "Berliner Herz" kümmert sich auch um seine Ehrenamtlichen. Schließlich gehe es um Kinder, die unheilbar krank sind, und den Tod. "Wer helfen möchte, bekommt bei uns eine einjährige Ausbildung, in der es auch um Selbsterkenntnis geht. Wir können hier keine Menschen brauchen, die selbst bedürftig sind", stellt Edler klar. Die Hospiztätigkeit sei nicht für jeden geeignet. "Die Familienbegleiter bekommen von uns auch regelmäßig Supervisionen, sie können also mit Psychologen sprechen. Wir treffen uns immer wieder zum Austausch, und alle haben meine Handynummer", sagt Edler. Sie sei Tag und Nacht für ihre Ehrenamtlichen erreichbar. Die schwere Arbeit mit den sterbenskranken Kindern könne man nur machen, wenn man "mitfühlt, aber nicht mitleidet".

Oma Reni hat den Rat der Sozialpädagogin nicht befolgt. "Eigentlich sollte man schon besser trennen, aber ich bringe mich hier viel zu sehr ein", sagt sie und streichelt Emilia übers Haar. Wenn Renate Glock in ihrem Bekanntenkreis erzählt, dass sie für das Kinderhospiz arbeitet, komme immer die gleiche Reaktion: "Alle sagen ,Das könnt ich nicht'. Ich weiß: Die Kinder sterben mit mir und sie sterben ohne mich. Aber mit mir haben sie vorher eine bessere Lebensqualität." In ihrem Beruf als Bürokauffrau finde sie keine Erfüllung. Was sie hier mache, sei sinnvoll. Viele Freunde hätten ihr von der Arbeit im Kinderhospiz abgeraten. "Die sagen: ,Du weinst doch schon bei Tierfilmen, was willst du dann bei sterbenden Kindern? Du bist doch zu sensibel'", erzählt Renate Glock. Vielleicht ist sie das auch. Sie macht es trotzdem.

Das "Berliner Herz" wird getragen vom Landesverband des Humanistischen Verbandes Deutschland. Weitere Informationen unter Tel. 030 61390483.



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