ArrayIm Geflecht der Kausalitäten, die zur weltweiten Finanzkrise geführt haben, kam eine Branche relativ gut weg. Die Rating-Agenturen. Das sind jene Unternehmen, welche die Bonität von Wertpapieren, Unternehmen und ganzen Staaten einschätzen. Erst durch ihre Bewertungen konnte es geschehen, dass Banken die riskanten Wertpapiere von Subprime-Schuldnern Anlegern in aller Welt andrehen konnten als seien es Juwelen.
Seither wird zwar darüber diskutiert, wie man diese Firmen besser kontrollieren könnte. Doch von harten Einschnitten war kaum etwas zu hören. Jetzt machen die Ratingkünstler wieder Furore - diesmal mit düsteren Tönen. Vergangene Woche senkte die Agentur Fitch die Bonität des EU-Mitglieds Griechenland wegen der horrenden Staatsverschuldung. Die Folgen: Es kam zu einem Ausverkauf griechischer Staatsanleihen, und Griechenland muss seinen Geldbedarf künftig zu noch schlechteren Konditionen stillen als bislang schon.
Die Griechen sind mit der Misere nicht allein. Im Wochentakt jagen Meldungen um den Globus, dass wieder ein Staat ins Trudeln kommt: Dubai musste vom Nachbarn Abu Dhabi gerettet werden, Island war schon letztes Jahr am Ende. In Bedrängnis sind Rumänien, die baltischen Staaten, Portugal und Italien. Selbst Kalifornien, einer der zehn stärksten Wirtschaftsräume der Welt, muss höhere Zinsen zahlen als beispielsweise Brasilien und Mexiko.
Tumultartige Zeiten sagt die Ratingagentur Moody ' s deshalb jenen Staaten voraus, die mit Bankenrettungsschirmen und Konjunkturpaketen versucht haben, die Folgen der Finanzkrise einzudämmen und damit Rekordschulden aufgebaut haben. Das Gespensterwort vom Staatsbankrott mit Nebenerscheinungen wie Hyperinflation und Währungsreform macht die Runde.
Und es sind diesmal mitnichten ausschließlich die üblichen Verdächtigen. Die dunklen Vorhersagen beziehen sich auch auf die USA, Deutschland oder Frankreich. Besonders bedenklich: Die EU kann in Not geratenen Mitgliedsländern nicht helfen. Die Regelungen des EU-Vertrags enthalten kein Verfahren, nach dem ein in Not geratener Staat von den anderen gerettet werden könnte - im Gegenteil: Das Gesetzeswerk zielt darauf ab, dass sich jeder Staat aus eigener Kraft aus dem Sumpf zu ziehen habe. Fiele aber Griechenland, hätte das Folgen für den gesamten EU-Raum.
Und was für die Hellenen gilt, gilt auch für Deutschland. Die Analysten von Moody ' s schreiben unter Anspielung auf das Wachstumsbeschleunigungsgesetz, die Regierung verfahre nach dem Prinzip "mehr Schulden heute für hoffentlich weniger Schulden in der Zukunft". Andererseits: Wollten die Regierungen ihre Bonität wieder herstellen, ginge das nur über massive Haushaltskonsolidierungen, was wiederum die konjunkturellen Impulse dämpfen würde.
Die Schuldenmacher in den Kabinetten haben zur Bewältigung der Finanzkrise einen gefährlichen Weg eingeschlagen. Das Leben auf Pump überschreitet weltweit die Grenzen seriöser Haushaltspolitik. Und dass die Rating-Experten mit ihren Bewertungen diesmal genauso daneben liegen, wie bei der Bewertung der Subprime-Papiere, mit denen der Finanzschlamassel begann, ist leider nicht sehr wahrscheinlich.
Der ehemalige "Stern"- und "Spiegel"-Redakteur sowie "Morgen"-Chefredakteur Dieter Degler (59) schreibt über politische Trends.

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