ArrayWarme Jacken, Handschuhe, dicke Schuhe, Schal und doch: Nach einiger Zeit wird es allen, die sich rund um das Panzerdenkmal in Kienitz versammelt haben, langsam kalt. "Man kann sich nicht wirklich vorstellen, was die Menschen damals erlebt haben", sieht es Kreistagsvorsitzender Wolfgang Heinze, der mit vielen anderen gekommen ist. Auch andere in der Runde sinnieren, wie Menschen damals nicht nur das Inferno des Krieges, sondern noch dazu die Winterauswirkungen überleben konnten.
Für Ältere sei das Wort Befreiung bis heute nicht frei von Konflikten, so Landrat Gernot Schmidt. "Aber es war ein Krieg, den unser Volk entfacht hat. Und wir hatten als Deutsche nicht die Kraft, uns selbst von diesem menschenverachtenden System zu befreien", so Schmidt bei der Kranzniederlegung am Panzer-Denkmal. Deshalb sei Befreiung der richtige und den Kern der Ereignisse treffende Begriff.Er dankte der Kirchengemeinde und der Kommune Letschin für die Gedenkveranstaltung.
Es war ein bitterkalten Morgen, als die rund 1500 Soldaten der Roten Armee am 31. Januar 1945 bei Kienitz über die Oder setzten. Es war ein für die deutsche Wehrmacht überraschender Schachzug der gegnerischen Seite, erinnerte Letschins Gemeindevorsteher Norbert Kaul. Erst aus dem Ort fliehende Einwohner brachten die Nachricht.
Was darauf folgte, wirke bis in die heutige Zeit nach, so Kaul. Er erinnerte an die vielen Toten, die noch immer in der Erde liegen, an das Leid der Soldaten auf beiden Seiten, an die Qualen der Zivilbevölkerung. Unvermindert würde geborgene Munition und Kriegsgerät bis heute deutlich machen, was sich vor 65 Jahren im Oderbruch abgespielt hat. Kienitz sei zu 80 Prozent zerstört gewesen. Von den 1000 Einwohnern kamen rund 100 zurück. Viele starben auf der Flucht oder an den Folgen des Krieges.
Auch die Kirche stehe bis heute als Zeichen jener Ereignisse, die seine Generation nur aus Dokumenten und Erzählungen der Alten kennen, so Pfarrer Frank Schneider im vorangegangenen Gottesdienst. "Selig sind die, die Frieden stiften. Sie wird man Christus Kinder nennen", zitierte er aus der Bergpredigt. Es sei längst nicht allen bewusst, dass 65 Jahre Frieden keine Selbstverständlichkeit sind. Es gelte, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass für den Frieden etwas geleistet werden müsse. "Für Selbstverständliches braucht man nichts zu tun", machte er deutlich. "Es gilt zu gedenken, zu erinnern, auch wenn sich manche genervt fühlen." Dazu gehöre auch das Schuldeingeständnis der Deutschen. Das sehe er als Frieden stiftende Arbeit, die immer wieder aufs Neue geleistet werde müsse.
Zu den Gästen der Veranstaltung gehörten auch der Botschaftsrat der Russischen Förderation Dr. Wiktor J. Wassiljew sowie Oberstleutnant Alexey A. Andreev, Stellvertreter des Verteidigungsattachés der Botschaft. Wassiljew dankt für die Achtung und Pflege der Denkmale, erinnert daran, dass der Sieg über den Faschismus durch die Anti-Hitlerkoalition möglich wurde. Die Rote Armee habe jedoch den größten Blutzoll geleistet.
Weil Fritz Masche das genauso sieht, ist er extra mit einem russischen Beiwagenmotorrad "Ural" aus Berlin gekommen. Am Gefährt weht eine russische Fahne. Er sieht aus wie ein Kradmelder, allerdings wärmer verpackt als einst die Soldaten im Krieg. Masche ist in Ortwig aufgewachsen, kennt die Geschichte. Er hat Blumengebinde mitgebracht. "Nicht nur als Formsache. Das geht mir nahe, ist mir wichtig", sagt der 65-Jährige, der Buchweizensuppe ausschenkt und Wodka, seine ganz persönliche Reverenz an jene Soldaten, die einst seine Heimat vom Faschismus befreiten.

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