Northeim Array. Die Gentechnik-Gegner in Northeim fühlen sich überrumpelt. "Das ist für uns heute eine Niederlage", räumt einer der jungen Leute ein, die vor zweieinhalb Wochen das Versuchsfeld bei Northeim im südlichen Niedersachsen besetzt hatten und nun am Dienstagmittag einer Übermacht aus Polizisten und Mitarbeitern der KWS Saat AG gegenüberstehen. Mehr als 400 Beschäftigte des in Einbeck ansässigen Saatgutkonzerns waren am frühen Morgen zum besetzten Acker gebracht worden und hatten auf einem Teil des Feldes mit der Aussaat gentechnisch veränderter Rübensamen begonnen.
Aussaat hinter dem Zaun: Gegen den am Ende ergebnislosen Protest von Natursch³tzern haben am Dienstag in Northeim die Arbeiten auf einem Feld f³r genmanipulierte Zuckerr³ben begonnen. Foto: dpa
Dutzende Polizeibeamte versperren den Umweltschützern am Mittag den Zugang zu der rund 80 mal 80 Meter großen Fläche. Die Umweltschützer, die beim Auftauchen der KWS-Busse ihre Telefonkette in Gang gesetzt und im Laufe des Tages Zulauf von Unterstützern erhalten haben, stehen ohnmächtig vor der Polizeikette. "Der Kampf geht weiter", ruft eine Frau trotzig zu den KWS-Leuten hinüber. "Wir kommen wieder", schreit eine andere. Einige Demonstranten beginnen damit, ihre Habseligkeiten zusammenzupacken. Freiwillig wollen sie nicht abziehen, notfalls wollen sie sich auch wegtragen lassen. Aber die Protestierer wissen, dass ihr Zeltdorf diesen Dienstag nicht überstehen wird.
KWS-Vorstandssprecher Philip von dem Bussche hatte die Besetzer zuvor aufgefordert, das Feld zu verlassen. Andernfalls würden rechtliche Schritte eingeleitet. "Wir haben von Beginn an den Dialog mit den auswärtigen Besetzern gesucht", sagt Bussche, der mehrmals selbst mit den Besetzern auf dem Feld diskutiert hat. Gleichzeitig machte das Unternehmen aber deutlich, dass es an dem Freilandversuch festhalten will.
Das Saatgut der Zuckerrüben wurde im Labor gegen das Pflanzenschutzmittel Roundup des US-Chemie- und Saatgutkonzerns Monsanto resistent gemacht. Die zuständigen Behörden hatten den Versuch trotz Protesten und Einsprüchen aus der Bevölkerung genehmigt. Die gentechnisch veränderte Zuckerrübe trägt den Namen Roundup Ready Zuckerrübe. "Die Forschungsfreiheit muss am Standort Deutschland erhalten bleiben, damit Innovation und wirtschaftliche Weiterentwicklung möglich werden kann", sagt Bussche. Erst nach Vorliegen belastbarer Ergebnisse werde entschieden, ob das Unternehmen mit der Technik in die Produktion gehe.
Die "grüne" Gentechnik macht nur einen kleinen Teil des KWS-Geschäftes aus. Das Unternehmen zählt zu den weltweit führenden Firmen im Saatgut-Geschäft. So ist die KWS, die 1945 ihren Sitz von Kleinwanzleben bei Magdeburg nach Einbeck (Kreis Northeim) verlegte, in 68 Ländern aktiv und beschäftigt rund 2700 Mitarbeiter. 75 Prozent des Umsatzes werden im Ausland erzielt.
Aus Sicht der Feldbesetzer birgt der Freilandversuch in Northeim erhebliche Risiken für die Umwelt. Auch andere Pflanzen könnten durch die Experimente in Mitleidenschaft gezogen werden und mutieren, befürchten sie. Als sich der Frust über den Beginn der Aussaat etwas gelegt hat, verweisen die Umweltschützer auch auf Erfolge ihrer Protestaktion. Zahlreiche Bürger hätten die Besetzung durch Geld- und Lebensmittelspenden unterstützt oder seien zu Veranstaltungen auf das Feld gekommen. Erst am Sonntag hatten Bio-Landwirte aus Süd-Niedersachsen mit rund 20 Trecker-Gespannen in einer Sternfahrt ihre Solidarität mit den Besetzern demonstriert.

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