Köln ArrayDer akute Lieferengpass bei mehreren Impfstoffen für Babys kann gravierende, sogar tödliche Folgen haben. "Besonders gefährlich für Säuglinge sind HIB-Infektionen und Keuchhusten, die so schwere Komplikationen hervorrufen können, dass sie zum Tode führen", sagte der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Wolfram Hartmann in Köln. "Bei den entscheidend wichtigen Sechsfach- und Vierfach-Impfstoffen gibt es in den Arztpraxen entweder nur noch kleine Restbestände oder gar nichts mehr."
Dem Allein-Hersteller Glaxosmithkline machte der Mediziner schwere Vorwürfe. Auch die Politik sieht der Verband mit in der Verantwortung. Die Produktion der Impfstoff-Kombinationen einem einzigen Unternehmen in Monopol-Stellung zu überlassen, sei falsch.
Der Sechsfach-Impfstoff ist gegen Diphtherie, Wundstarrkrampf, Kinderlähmung, Keuchhusten, HIB-Infektion und Hepatitis B - er wird ab der achten Lebenswoche verabreicht. Babys ab dem elften Monat werden mit einer Vierfach-Kombination gegen Mumps, Masern, Röteln und Windpocken geimpft.
"Keuchhusten bei Säuglingen kann lebensgefährlich sein, und eine HIB-Infektion kann zu Kehlkopfentzündung oder Hirnhautentzündung führen, die beide den Tod bedeuten können", erklärte Hartmann. "Es gibt keinen Einzel-Impfstoff gegen Keuchhusten oder eine HIB- Infektion. Entsprechende Meldung sind falsch." Gegen andere Krankheiten wie Mumps, Masern oder Röteln seien dagegen Einzel- Impfstoffe erhältlich.
Hartmann übte scharfe Kritik an dem britischer Hersteller Glaxosmithkline, der die zwei Impfstoff-Kombinationen als einziger für Deutschland herstellt. "Die haben die Produktion des Schweinegrippe-Impfstoffs Pandemrix angenommen, weil damit viel Geld zu verdienen war und haben die Bedürfnisse von Kindern ganz hinten angestellt." Der Mediziner sprach von einen "nicht hinnehmbaren Skandal", der die Politik auf den Plan rufen müsse.
"Wir können nicht akzeptieren, dass die Kinder-Sicherheit gefährdet wird, weil sich ein Pharmaunternehmen aus wirtschaftlichen Gründen für die Produktion lukrativerer Impfstoffe entscheidet." Bei einer stabilen Geburtenzahl von 670 000 bis 680 000 pro Jahr sei der Bedarf an Impfstoff ganz klar kalkulierbar. "Man weiß vorab genau, welche Menge nötig ist. Diese Mengen müssen über Lieferverträge gesichert sein. Die Impfstoffe sind mehrere Jahre haltbar und können auch mühelose eingelagert werden."
Glaxosmithkline habe Anfang Januar die Kinderärzte auf drohende Engpässe hingewiesen, Ende Januar war es schon so weit, kritisiert Hartmann. "Es wurde so kurzfristig informiert, um Hamsterkäufen vorzubeugen". Nun sitzen dem Verbands-Präsidenten zufolge schon viele Arztpraxen auf dem Trockenen. Es sei unklar, wie lange es keine Impfstoff-Lieferungen mehr geben werde. "Bis dahin sollten Ärzte, die noch Restmengen haben, auf Auffrischungen verzichten, um stattdessen noch Erstimpfungen für Säuglinge zu ermöglichen".
Der Mediziner forderte ein Eingreifen der Politik. "Kinder haben ein Recht auf bestmögliche Gesundheitsversorgung und dazu zählen alle wichtigen Impfungen", betonte Hartmann. "Diese sicherzustellen ist eine gesundheitspolitische Aufgabe, da kann sich die Politik nicht zurücklehnen und sagen: "Das macht die Pharmaindustrie".

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