Eberswalde ArrayAngefangen hat alles mit einem "harmlosen" Telefonanruf. Alfred G. ließ sich von einer netten Stimme zu einem Lotterielos überreden - und gab Adresse und Bankverbindung an. Ein Fehler, wie er heute weiß. Die Gesellschaft verkaufte seine Daten weiter. Die Abzockespirale setzte sich in Gang. Kein Einzelfall.
Ganz klein und traurig sitzt Alfred G.* am Tisch der Verbraucherzentrale in Eberswalde. Am liebsten möchte er gar nicht reden. Schweigend holt er die Kontoauszüge der Citibank aus seinem Ledermäppchen. Hier tauchen sie alle auf, die Lotteriegesellschaften, die ihn seit zwei Jahren um den Schlaf bringen. Monatlich oder quartalsweise buchen Firmen mit so freundlichen Namen wie "Alpenkoenig" oder "Premiumservice" 40 bis 90 Euro ab. Die Übersicht bei all den Anbietern, die ihn mittlerweile schröpfen, hat der 74-Jährige verloren. Dennoch versuchte er lange, allein mit der Misere fertig zu werden. Nicht einmal seinem Sohn vertraute er sich an.
"Das ist oft so und ganz verständlich", weiß Harald Gräfe, Leiter des Regionalzentrums der Verbraucherzentrale Brandenburg. Manchmal erfahren Angehörige erst nach dem Tod eines Familienmitglieds davon. Gerade ältere Menschen seien darauf bedacht, ihre Rechnungen zu zahlen. Darum sind sie die Hauptzielgruppe der dubiosen Anbieter.
Im Telefonbuch suchen die Anrufer alt klingende Namen und versuchen Kontakt herzustellen. Etwa über die Paketdienst-Masche. "Ein Anrufer stellt sich als Paketzusteller vor, erklärt, dass die Adresse unleserlich sei und gelangt so an Informationen", erklärt Gräfe. "Am besten ist es, bei unbekannten Nummern gar nicht ans Telefon zu gehen oder sich bei fremden Personen auf kein Gespräch einzulassen", appelliert der Verbraucherschützer.
Für Alfred G. kommt der Rat zu spät. Über die Jahre hat er Tausende Euro Schulden angehäuft. Um sie zu tilgen, ging er zur Citibank, weil die günstige Kredite offeriert hatte. Er erhielt mehr als die nötige Summe und obendrein eine Mastercard. 7000 Euro hat der Rentner nun dort abzuzahlen. Weitere 1000 Euro für die Karte, schätzt Werner G.
Per Zufall erfuhr der Sohn von der Misere des Vaters. "Eine Versicherung buchte 20 Euro zurück, weil sein Konto nicht gedeckt war. Das machte mich stutzig", schildert Werner G. Erst nach und nach offenbarte sich der Umfang des Schadens. "Ein Problem ist, dass wir nichts Schriftliches haben", sagt er. Außerdem würden die Lottofirmen immer dreister: "Wir wissen, dass sie Schulden haben, die sie nicht zahlen können", drohten sie Alfred G., um neue Kredite an den Mann zu bringen. Einige drangsalieren den Rentner täglich mit Anrufen. "Den letzten habe ich gestern um 20.45 Uhr bekommen", sagt Alfred G. Auf neue Geschäfte lässt sich der 74-Jährige nicht ein, doch werde es schwer genug, die Schulden abzubauen. 7000 Euro Kredit, 2500 Euro offene Lotteriforderungen und 1000 Euro für die Mastercard. "Alles in allem rund 10 000 Euro", sagt Werner G.
"Wir werden versuchen, die Abbuchungen der letzten acht Wochen rückgängig zu machen", kündigt Gräfe an. Daraufhin, so vermutet er, werden die Firmen ihre Forderungen schriftlich formulieren. So erhalte man Adressen und könne weitere Schritte einleiten. Dass die Anbieter gegen Rückbuchungen klagen, sei unwahrscheinlich: "Wer klagt, muss beweisen." Aber dafür hätten sich die Firmen an die Bestimmungen beim Abschluss fernmündlicher Verträge halten müssen, insbesondere an Informationspflichten zu Widerrufsrechten. Dies geschehe oft nicht. Mit dem im August 2009 in Kraft getretenen GeÂsetz zur BeÂkämpÂfung unÂerÂlaubÂter TeÂleÂfonÂwerÂbung sind die Bestimmungen sogar noch verschärft worden. "TeÂleÂfonÂwerÂbung ist ohne vorÂheÂriÂges EinÂverÂständÂnis wettÂbeÂwerbsÂwidÂrig und damit verÂboÂten", sagt das Gesetz. VerÂstöÂße können mit GeldÂbuÂßen bis zu 50 000 Euro geÂahnÂdet werÂden. Entsprechende Anzeigeformulare gibt es bei der Verbraucherzentrale.
Werner G. ist zuversichtlich, dass sein Vater mit Hilfe von Harald Gräfe einen Teil seines Geldes zurückerhalten wird. Um ihn künftig ganz vor unerwünschten Anrufen zu schützen, soll das Festnetz durch ein Handy ersetzt werden.
*Namen geändert.
Verbraucherzentrale BB, Heegermühler Str. 2, Eberswalde. Geöffnet: Dienstag u. Donnerstag 9-13 und 14-18 Uhr. www.vzb.de

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