Angermünde ArrayHinter Glas von Tafeln und Vitrinen gebannte Tragödien berichteten im Angermünder Stadtarchiv schwarz auf weiß von den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs. Anlässlich des fünften Tags der Archive wird auch dort unter dem Motto "Dem Verborgenen auf der Spur" eine Sonderausstellung zur NS-Zeit gezeigt. Der Verband deutscher Archivarinnen und Archivare hatte zu der bundesweiten Veranstaltung aufgerufen, die alle zwei Jahre stattfindet. Beteiligt hat sich daran ebenfalls das Stadtarchiv Schwedt, dass am Sonnabend rund 40 Besuchern Führungen im Jüdischen Ritualbad angeboten hat.
Während auf Gäste in Schwedt ein Rundgang mit Stadtarchiv-Leiterin Anke Grodon wartete, der zahlreiche Details aus dem Alltag von Schwedter Juden beleuchtete, widmete sich das Angermünder Archiv persönlichen Schicksalen aus der NS-Zeit. Die wollte sich auch Holger Schuhmacher nicht entgehen lassen.
Am Tag der Archive besuchte Maschinenbaustudent mit Freundin Angelina in seiner Heimatstadt die Ausstellung "Angermünde im Nationalsozialismus". "Mich interessiert, was damals passiert ist", sagt der 23-Jährige. "Meine Großeltern hatten nur kleine Einblicke, sie waren ziemlich jung und meine Oma hat weit weg im Lazarett gearbeitet." Er habe auch gehört, dass "vieles zu DDR-Zeiten in Vergessenheit geraten ist."
Umso mehr interessieren ihn die im Archivkeller präsentierten Zeitdokumente. Leiterin Margret Sperling hatte sie gemeinsam mit Steffen Tuchscherer vom Kulturamt Angermünde zusammengestellt. "Eine Geschichtsaufarbeitung ist für mich gerade auf regionaler Ebene wichtig", erklärt Tuchscherer. "Es gibt noch mehr als genug Grauzonen, die es zu beleuchten gilt und wohl noch eine ganze Generation von Heimatforschern beschäftigen wird".
Vor allem die jüdische Geschichte der Stadt sei erst "gerade angerissen" worden. Bis heute gebe es zum Beispiel kein einziges Foto von der 1938 niedergebrannten Synagoge. Nur ein Grundrissplan vom Nachbargebäude gibt ein letztes Zeugnis von der Existenz des Gotteshauses.
Zu den Grauzonen zählen aber auch die britisch-amerikanischen Bombenangriffe auf zivile Einrichtungen und die Vergewaltigungen deutscher Frauen durch sowjetische Soldaten. Beide Themen blieben lange Zeit tabu. "Eine Aufarbeitung habe entweder niemanden interessiert oder es war verboten, darüber zu sprechen", erklärt Tuchscherer.
Damit hat Historiker Günther Ballentin auch Erfahrungen gemacht, von denen er zur Ausstellungseröffnung erzählte. Bereits 1974 wollte er an seinem 20 Jahre später veröffentlichten Buch "Angeordnet: Schweigen: Das Ende einer Mädchenklasse" schreiben. Recherchen waren schwer, Ansprechpartner rar. Und schon unter den Nazis war es verboten, über jene Nacht am 18. November 1943 zu sprechen.
Damals kamen 22 Menschen bei einem Bombardement auf das Schloss Neugalow um. Darunter zwölf Berliner Schülerinnen, die im Rahmen der "Kinderlandverschickung" zur Sicherheit aufs Land geschickt wurden. "Die Nazis hätten Fehler nie zugegeben", so Tuchscherer. "Aber sie haben die Mädchen geradewegs ins Kriegsgebiet geschickt, denn in der Nähe befand sich der Bunker Bölkendorf." Zwar sei dieser nicht direkt das Ziel gewesen. Dafür aber das Schloss Stolpe, in dem die Bunkerbediensteten untergebracht waren. Doch die alliierten Flieger zerstörten das falsche Schloss. "Ein Mädchen hatte das Licht auf der Toilette angelassen", fasste Besucherin Lilli Lusinski, eine der bewegenden Passagen in Ballentins Bericht zusammen. Am Sonnabend erfuhr die Angermünderin auch erstmals vom Schicksal der Retter ihrer Heimatstadt.
Während Juwelier Walter Kurt Nölte und Bäckermeister Otto Miers mit weißer Fahne zur Frontlinie schritten, um "Angermünde vor der Zerstörung zu retten", haben Rotarmisten Nöltes Frau und Schwester vergewaltigt. Zurück von seiner Mission fand er beide tot auf. Sie hatten den Freitod gewählt. Nölte folgte ihnen drei Tage später. Den Rettern soll in ein paar Wochen eine Gedenktafel gewidmet werden. Sie wird laut Margret Sperling an der Bäckerei des Miers-Nachkommen Klaus Schreiber in der Rosenstraße angebracht.
