Potsdam ArrayAm Freitagvormittag bietet sich den Flanierenden am Alten Markt in der Landeshauptstadt eine Szene, wie sie auch alteingesessene Potsdamer an dieser Stelle so wohl noch nie gesehen haben dürften: Inmitten von Umzugskisten haben die Initiatoren des Volksbegehrens "Keine neuen Tagebaue" den Zwangsumzug eines Wohnzimmers nachgebildet. Damit thematisieren sie anlässlich der derzeit im polnischen Poznan stattfindenden UN-Klimakonferenz und des bundesweiten "Klimaaktionstages" am Samstag die drohende Abbagerung von Lausitzdörfern.
Protest gegenTagebaue: Inmitten von Umzugskisten haben die Initiatoren des Volksbegehrens "Keine neuen Tagebaue" den Zwangsumzug eines Wohnzimmers nachgebildet. Foto: dpa
Ein kleiner Tisch mit einem Adventsgedeck, ein alter Fernseher, Bücherregale, eine Stehlampe und zwei Sofas - darauf sitzend vier Männer aus den bedrohten Dörfern und Gemeinden Proschim, Atterwasch, Kerkwitz, Grabko und Welzow, die schüchtern auf die ihnen entgegengerichteten Kameras der versammelten Presse starren. Obwohl die mediale Aufmerksamkeit für die Männer sichtlich ungewohnt ist, sind sie froh. Denn sie wollen als Abgesandte der betroffenen Ortschaften auf das Schicksal von rund 2000 Lausitzern aufmerksam machen, die von einer Umsiedlung für den Tagebau betroffen wären.
"Dem Energiekonzern Vattenfall stehen in der Lausitz in bereits genehmigten Tagebauen noch rund 1,3 Milliarden Tonnen Braunkohle zur Verfügung", sagt ein Sprecher der Initiative und fügt hinzu: "Das reicht in jedem Fall, um die Kraftwerke dort noch bis in die 2030er Jahre mit Brennstoff zu versorgen." Im brandenburgischen Teil der Lausitz wolle der Konzern nun jedoch weitere 900 Millionen Tonnen Braunkohle fördern. Dazu habe er die Abbaugenehmigung zur Erweiterung des Tagebaus Welzow-Süd bereits gestellt. Zudem wolle der Konzern die drei neuen Tagebaue Jänschwalde-Nord, Spremberg-Ost und Bagenz-Ost aufschließen, was zur Abbagerung von Proschim, Atterwasch, Kerkwitz, Grabko und Teilen von Welzow führen würde.
Aus Sicht der stellvertretenden Bundesvorsitzenden des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND), Ulrike Mehl, werde Brandenburg in eine Sackgasse manövriert, wenn das Land weiter auf Braunkohle statt auf eine Energiewende setze: "Brandenburg muss seine Pro-Kopf-Emission, die jetzt über denen der USA liegen, konsequent senken", fordert Mehl. "Wir müssen einen Weg finden, mittelfristig weg von der Kohle und hin zu den erneuerbaren Energien zu kommen. Deshalb rufen wir alle Brandenburger auf, unser Volksbegehren mit ihrer Unterschrift zu unterstützen."
Das Volksbegehren "Keine neuen Tagebaue - für eine zukunftsfähige Energiepolitik" läuft seit Oktober und wendet sich gegen den Aufschluss weiterer Tagebaue in der Lausitz. Für einen Erfolg des Volksbegehrens müssen bis Anfang Februar 80 000 Unterschriften zusammenkommen.
Obwohl für die meisten Potsdamer die Lausitz und damit auch die Tagebaue mindestens 150 Kilometer entfernt liegen, wertet Roland Lehmann, Ortsvorsteher von Kerkwitz, die "Zwangsumzugsaktion" vor der Kulisse der Schloss-Baustelle auf dem Alten Markt als Erfolg. "Es ist ein gutes Gefühl, wenn man weiß, dass man nicht alleine ist", sagt er. "Für die Unterstützung im Kampf gegen die Kohle kann ich auch im Namen der rund 530 betroffenen Kerkwitzer den Initiatoren und Helfern des Volksbegehrens nur danken. Mein größter Wunsch ist es, dass wir die benötigten Unterschriftenzahlen schnell zusammenbekommen."

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