Eisenhüttenstadt ArrayOffensichtlich gescheitert ist die türkische Unternehmerin Belgin Karaca mit ihrem Vorhaben einer Dessous-Näherei in der Fürstenberger Bahnhofstraße. Sie war eine der Hauptpreisträgerinnen des EKO-Gründerpreises und wollte bis zu 25 Arbeitsplätze in der ehemaligen Sero-Annahmestelle in der Bahnhofstraße 81 schaffen. Von den Arbeitsplätzen und ihr fehlt jede Spur.
Izabela Prief und Malgorzata Schulz sowie der t³rkische Investor Sener G³dekli in der Textilfirma "Belgina" in Eisenh³ttenstadt.
Das Schaufenster in der Bahnhofstraße 81 ist zugehangen, der Briefkasten quillt über und sämtliche Medienleitungen sind mittlerweile gekappt. Wer unter 03364 283763 anruft, hört am anderen Ende nicht etwa die türkischstämmige Unternehmerin Belgin Karaca oder ihre Beraterin Marika Jahn, sondern die nüchterne Bandansage der Telekom: "Kein Anschluss unter dieser Nummer." Lediglich im Internet taucht die Unterwäschefirma noch mit ihren erotischen Produkten auf, unter www.belgina.de.
Vor drei Jahren noch sprüht Belgin Karaca nur so vor Energie und Tatendrang. Eisenhüttenstadt nimmt sie begeistert auf zu Zeiten, als an Solar- und Papierfabriken noch niemand zu denken wagt. Das Investorcenter Ostbrandenburg hat im September 2003 den Kontakt hergestellt. Mit Sener Güdekli, einem türkischen Politiker, und vor allem finanzieller Unterstützung aus der Region steckt die ehemalige Vertreterin des DDR-Außenhandelsministeriums nach eigenen Angaben 800 000 Euro in das herunter gekommene Objekt in der Fürstenberger Bahnhofstraße 81, um daraus eine Produktionsstätte für Textilien zu zaubern. In der Textilproduktion hat Karaca schon Anfang der 90er Jahre erste Erfahrungen sammeln können. Mit ihrem Geschäftspartner gründet sie 1993 die Firma Star Textil Limited auf dem türkischen Markt. "Wir können die Unterwäsche auch in der Türkei herstellen, aber da haben wir ein Akzeptanz- und ein Qualitätsproblem", sagt Belgin Karaca im August 2005. "Made in Germany", das klinge wesentlich besser. Gemeinsam mit dem Investorcenter Ostbrandenburg wird die Idee geboren, aus dem Vornamen der Unternehmerin eine Modemarke zu kreieren: "Belgina". Vor allem nach Westeuropa sollen die Kleidungsstücke geliefert werden. Man spricht von einem reißenden Absatz, und der frühere Geschäftspartner und türkische Politiker Sener Güdekli sagt: "Dann können wir auch die Zahl der Arbeitsplätze auf 25 erhöhen."
Das QualifizierungsCentrum der Wirtschaft (QCW) versorgt die Näherei mit Personal, doch schon bald ziehen erste dunkle Wolken am Horizont auf. Die Unternehmerin bemängelt fehlende Motivation und Ausbildung der zumeist Hartz IV-Empfänger und ordert immer wieder neue Arbeitskräfte. Heike Scharne erlebt die ersten Wochen in der Näherei hautnah mit. Als Vorarbeiterin wird die damals 37-Jährige eingestellt, um Nachthemden aus Satin und Seide zu produzieren. "Natürlich hatte ich Hoffnung übernommen zu werden", sagt Heike Scharne heute. Doch nach sechs Wochen Praktikum, in denen Belgin Karaca nichts an ihrer Arbeit auszusetzen hat, platzt der Traum von einer Festanstellung - ihre Wege trennen sich. "Wer dort weiter beschäftigt worden wäre, hätte in jedem Fall auf Unterstützung vom Hartz IV-Amt zurückgreifen müssen", sagt Heike Scharne.
Für Joachim Niebur, Personaldirektor von ArcelorMittal Eisenhüttenstadt, liegt die Wahrheit möglicherweise genau in der Mitte: Geringe Bezahlung durch Unternehmerin Karaca einerseits, aber auch Motivationsmangel bei den Näherinnen andererseits hätten zu Spannungen geführt. "Frau Karaca hat das auf das QCW geschoben. Wir haben ihr geraten, richtige Leute mit einem ordentlichen Gehalt einzustellen", sagt Niebur. Dass der EKO-Mann überhaupt mit dem Geschäft in Verbindung steht, liegt mit am EKO-Gründerpreis und am Bemühen von EKO, Arbeitsplätze in die Region zu holen. Niebur vermittelt Belgin Karaca und ihrem Geschäftspartner ein Darlehen über 40 000 Euro. Als EKO, Eisenhüttenstädter Dienstleistungsgesellschaft (EDL) und Stadt den Gründerpreis ausloben, gehört die Türkin zu den Hauptpreisträgern - mit 25 000 Euro ist er dotiert. Die Jury befindet "Produktion und Vertrieb von modischen Dessous" für preiswürdig. Noch heute ist der Erfolg im Internet unter www.gruenderpreis-eko.de und auf ihrer eigenen Homepage verewigt. Das Preisgeld aber, behauptet Karacas Unternehmensberaterin Marika Jahn, sei nie komplett ausgezahlt worden. Mit dieser Äußerung heizt sie die Stimmung zusätzlich an. Nach dem Ausstieg des türkischen Geschäftspartners Sedekli überschlagen sich ohnehin die Ereignisse: Bei einem ominösen Einbruch im vergangenen Jahr entsteht ein Schaden von 70 000 Euro. Die Kripo staunt, weil vor Ort keinerlei Einbruchspuren vorzufinden sind. Mehrere Stunden werden Belgin Karaca und ihre Unternehmensberaterin als Zeugen vernommen. Beide Frauen verdächtigen zeitweilige Geschäftspartner aus der Nähe von Berlin, den Einbruch begangen zu haben. Die Staatsanwaltschaft nimmt unter Aktenzeichen 282/JS/42184/07 die Ermittlungen auf, die letztlich ins Leere verlaufen und wieder eingestellt werden. Zu allem Übel gesellt sich im vergangenen Jahr auch noch ein erheblicher Wasserschaden hinzu, der die auf Sparflamme laufende Produktion gänzlich zum Erliegen bringt.
Mit ArcelorMittal Eisenhüttenstadt steht Belgin Karaca derzeit nur noch über ihren Berliner Anwalt in Verbindung. Bei Joachim Niebur hat sie noch eine Rechnung offen - genau genommen 15 000 Euro. Denn entgegen der Aussage von Unternehmensberaterin Jahn ist Belgin Karaca Niebur zufolge sehr wohl in den Genuss der 25 000 Euro vom Gründerpreis gekommen. "Mit dem Preis wurde das Darlehen bedient", sagt Joachim Niebur und verweist auf einen Vertrag zwischen beiden Partnern. Doch EKO bekommt noch mehr Geld. Niebur: "Wir haben auch die Lohnkostenabrechnung für Estella übernommen - da ist noch einiges offen." Selbst das Finanzamt ist nach Informationen der Märkischen Oderzeitung skeptisch geworden. 90 000 Euro an Investitionskostenzuschuss waren zunächst im Gespräch, damit hätte Belgin Karaca die Restsumme ihres EKO-Darlehens begleichen können.
Zur Aufklärung könnte die Unternehmerin am besten beitragen. Doch unter sämtlichen Handynummern, die sie einst hatte, ist sie nicht erreichbar, auf Briefe reagiert sie nicht. Wer im Internet nach der "Estella Handels GmbH" sucht, stößt auch auf eine Adresse, die laut Internet die richtige ist, "wenn es um frisches Obst und Gemüse geht". Die "Yeni-Dogus" Obst- und Gemüse Groß- und Einzelhandel GmbH aus der Berliner Siemensstraße beispielsweise handelt auch mit dem An- und Verkauf von Lebensmitteln, Getränken und Tabakwaren. Geschäftsführer der Ende 2002 gegründeten Gesellschaft ist u.a. Belgin Karaca (Handelsregistereintrag HRB 86900). Weitere Firmeneinträge im Telefonbuch führen entweder zu keinem Anschluss unter dieser Nummer oder zu einem Institut für Arbeitsmarkt, Beruf und Sozialpolitik, wo man von Frau Karaca noch nie gehört hat.

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