Donnerstag, 2. September 2010

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Demontage als Alternative zum Abriss

Eisenhüttenstadt/Frankfurt (O.) ArrayDer Stadtumbau wird oft nur als Abriss von Plattenbauten wahrgenommen. Dass es anders geht, man solche Gebäude mit einem überschaubaren technischen und finanziellen Aufwand auch etagenweise reduzieren kann, hat Architekt Prof. Wolf Eisentraut in Saßnitz, Hartha und Plauen bewiesen.

Stellen Sie sich vor, Sie wohnen in einem Fünfgeschosser. Ihr Haus soll in den nächsten Jahren abgerissen werden. Sie müssen also umziehen. Doch es kommt anders: Ihr Wohnungsunternehmen teilt mit, dass Sie im Sommer für zwei Tage jeweils um 7 Uhr Ihre Wohnung verlassen und erst wieder um 21 Uhr betreten dürfen. Denn in dieser regenarmen Zeit werden die vierte und fünfte Etage Ihres Wohnhauses abgenommen und zum Schluss das alte Dach wieder aufgesetzt. Sie können in Ihrem Haus wohnen bleiben. Wofür würden Sie sich entscheiden?

In Plauen, Hartha und in Saßnitz hat Prof. Wolf Eisentraut diese Form des Rückbaus erfolgreich angewandt. Der Architekt war auch schon als Experte bei der II. Stadtumbaukonferenz der Bundestagsfaktion Die Linke im Dezember in Eisenhüttenstadt geladen. "Bei den Plattenbauten handelt es sich um einen konstruktiv wenig aufwändigen, aber effektiven Aufbau. Den nutzen wir jetzt aus", erzählt er von seinen Erfahrungen.

So wie das Haus einst aufgebaut wurde, wird es nun rückwärts wieder auseinandergenommen. Zunächst wird das Dach entfernt und neben dem Plattenbau gelagert. Danach wird Platte für Platte - eine kann bis zu sechs Tonnen wiegen - entfernt. Wie lange dies dauert, hängt davon ab, wie viele Etagen weg sollen. Aus Sicherheitsgründen müssen die Bewohner während der Demontagearbeiten ihre Wohnungen verlassen. Nach zwei Tagen ist der Spuk für die Mieter vorbei, wenn das alte Dach wieder aufgesetzt wird. Diese Methode, so Eisentraut, hat mehrere Vorteile: Es entsteht wenig Dreck, die Bewohner bleiben in ihrem gewohnten Umfeld mit Einkaufsmarkt und Arztpraxen, haben wenig Stress, die Nachbarschaft bleibt intakt. Und aus mehretagigen Gebäuden werden kleine Reihenhäuser mit zwei bis drei Etagen.

"Voraussetzungen für dieses Unterfangen sind eine straffe Bauleitung, gutes Wetter und ein Wohnungsunternehmen, das an seine Mieter denkt", so Eisentraut. Je zwei Wochen vor und nach dem Rückbau werden für die Vor- und Nachbereitung, das Kürzen von Lüftungsleitungen oder das Verfugen von Dächern gebraucht. Dann ist die Baustelle abgeschlossen. "Schauen Sie sich hingegen den Abriss an. Da fährt wochenlang mitten im Wohngebiet ein Bagger über die zertrümmerte Platte, bis sie so klein ist, dass der Schutt abgefahren werden kann. Wir hingegen fahren unsere demontierten und nicht wieder benutzbaren Platten auf die Bauschuttdeponie und lassen sie dort zerkleinern", erklärt der Fachmann.

Und nicht mal das ist immer nötig. "Wir haben in Plauen aus solchen Plattenteilen ein zweietagiges Eigenheim gebaut. Solches Wiederverwerten lohnt dann, wenn es in der Nähe passiert, weil sonst die Transportkosten zu hoch werden", erklärt der Architekt. Aus Platten wurden auch Garagen, Ställe und Büros. Von Frankfurt aus bis nach Slubice, wo Wohnungsnot herrscht, wäre dieser Aufwand finanziell laut dem Fachmann noch sinnvoll. Die Transportwege sind relativ kurz, der Rohbau wird angeliefert und kann schnell montiert werden. Finanziert werden muss in die Arbeitszeit und die Ausstattung des neuen Gebäudes.

Doch wie teuer ist der etagenweise Rückbau? "Wir haben berechnet, dass pro Quadratmeter Kosten von 110 Euro anfallen." Diese Rechnung gehe aber nur dann auf, wenn das Gebäude ansonsten so belassen wird. Sobald das Wohnungsunternehmen gleich noch eine Sanierung hinterher schiebe, verteuere sich das Ganze. 50 Euro erhalten die Wohnungsunternehmen pro Quadratmeter für den Abriss. "Wenn Sie jetzt dagegen halten, dass die Mieter in ihrem Haus bleiben, also nicht umziehen müssen, maximal von einer oberen in eine untere Etage, spart das Wohnungsunternehmen pro Umzug rund 5000 Euro. Rechnen Sie einfach mit einem Wohnblock mit 40 Einheiten, 20 davon bleiben bestehen. 20 Umzüge mal 5000 Euro sind eine Menge Geld, die das Wohnungsunternehmen normalerweise in den Umzug und die Herrichtung der neuen Wohnung stecken müsste, nun aber in den sinnvollen Erhalt ihrer Gebäude investiert", rechnet Prof. Eisentraut vor.

Dass viele Stadtwerke solche Vorschläge kritisch sehen, weiß Eisentraut. "Das ist klassisch. Stadtwerke wollen am liebsten, dass die Häuser wegkommen, dann brauchen sie nicht mehr zu versorgen. Damit erfüllen sie jedoch ihre eigentliche Aufgabe nicht. Werden die Geschosse etagenweise reduziert, werden die Versorgungsleitungen weiter gebraucht, muss die Infrastruktur nicht verändert werden, das müsste eigentlich im Interesse von Stadtwerken sein", sagt der Architekt.

Doch warum reißen Wohnungsunternehmen lieber ab? "Weil es einfacher ist. Das Ziel des Stadtumbaus besteht darin, Substanz zu vernichten, den Markt zu bereinigen. Die Folge sind steigende Mieten und eine künstlich erzeugte Nachfrage", sagt Eisentraut. "Die Frage lautet: Wird der Stadtumbau quantitativ angesehen, dann geht es nur um die Vernichtung. Wenn eine Stadtverwaltung aber über Qualität redet, dann sprechen wir von einer städtebaulich geordneten Gestaltung und in erster Linie über die Menschen, die in dieser Stadt leben."

Eisentraut verschließt sich dem Komplettabriss nicht generell. Doch der sei nur da sinnvoll, wo Gebäude natürlich leergezogen wurden und nicht, wie so häufig künstlich, um den Abriss zu forcieren. Der Abriss mache von außen nach innen Sinn, wenn es sich nur noch um Reststücke von Wohngebieten handele. "Eine Stadtverwaltung muss festlegen, welche Gebiete sie erhalten und stärken möchte, welche Areale nicht mehr wiederzubeleben sind. Bei letzteren macht der Abriss Sinn. Bei Wohngebieten, die gestärkt werden sollen, ist der etagenweise Rückbau sinnvoll."

Doch viele Wohnungsunternehmen gehen einen anderen Weg, versuchen, die oberen Etagen, also die ungeliebte vierte und fünfte künftigen Mietern schmackhaft zu machen, indem Aufzüge eingebaut werden. "Das ist extrem unwirtschaftlich", urteilt Eisentraut, "wenn pro Etage nur zwei Wohnungen vorhanden sind. Für Rollstuhlfahrer sind die Aufzüge nicht geeignet, die Betriebskosten für die Mieter sind viel zu hoch. Auch hier haben wir wieder das Problem, dass die Vermieter nur an Zahlen denken, aber nicht an die Menschen. Statt in einen Aufzug zu investieren, könnte das Unternehmen damit die vierte und fünfte Etage entfernen. Der Leerstand wäre beseitigt, die Mieter müssten nicht die enormen Betriebskosten tragen", argumentiert er gegen Aufzüge.

Und noch ein weiteres Prob- lem zeigt der Architekt auf: "Gebäude, die aus verschiedenen Gründen am Rande von ehemaligen Plattenbausiedlungen stehen bleiben, werden in den kommenden Jahren freigezogen. Das hat etwas mit der Mentalität der Menschen zu tun: Sie wollen nicht die letzten sein, die am Rande der Stadt leben", sagt er.

Prof. Wolf R. Eisentraut - geboren 1943 in Chemnitz - war Generalprojektant für die öffentlichen Gebäude im Plattenbaugebiet Berlin-Marzahn/Hellersdorf. So hat er u. a. das Kino "Sojus" und das Marzahner Stadtbezirksrathaus geplant. Der heute 64-jährige Architekt erarbeitete Grundlagen für die Entwicklung des sogenannten WBS 70. Prof. Wolf Eisentraut war verantwortlich für die Foyerräume und das Theater des 1976 fertiggestellten Palastes der Republik. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht immer der Mensch, der sich wohlfühlen soll.



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