Ziegenhals ArrayDer Thälmann-Gedenkstätte in Ziegenhals (Dahme-Spreewald) droht endgültig der Abriss. An der Stelle sollen Stadtvillen errichtet werden. Ein Verein, der sich um den Erhalt des Gebäudes kümmert, will auch nach juristischen Niederlagen weiterkämpfen.
"Charlotte" wurde einfach entführt. Der Freundeskreis der Thälmann-Gedenkstätte in Ziegenhals, einem Ortsteil von Königs Wusterhausen (Dahme-Spreewald), ist immer noch entsetzt, denn das Boot "Charlotte" war ein Heiligtum. Seit einigen Tagen ist es weg. Das Boot stand Jahrzehnte vor einer ehemaligen Sportgaststätte. An diesem Ort soll der KPD-Chef Ernst Thälmann am 7. Februar 1933 vor seiner Verhaftung durch die Nationalsozialisten auf einer geheimen Versammlung mit Parteifreunden gesprochen haben. Mit dem Boot konnten einige Funktionäre vor dem Zugriff der SA flüchten.
Heute erinnert in Ziegenhals nichts mehr an das historische Ereignis. Auch die anderen Ausstellungsstücke - Dokumente, Bilder, Büsten, Original-Möbel - wurden Ende Juli fortgeschafft. Die Gedenkstätte, die vom früheren DDR-Präsident Wilhelm Pieck eingeweiht wurde, ist geräumt. Jetzt droht ihr endgültig der Abriss durch den neuen Eigentümer, der das Gebäude bei einer Auktion der bundeseigenen TLG Immobilien erwarb. Der seit Montag pensionierte Mann war Referent im brandenburgischen Bauministerium, er kommt ursprünglich aus Bayern. Nach dem Abriss des Gebäudes will der Eigentümer auf dem Grundstück Stadtvillen errichten lassen.
"Es ist ein Unding, wie mit der Gedenkstätte umgegangen wird", empört sich Max Renkl, Vorsitzender des Freundeskreises. In Ziegenhals werde gezeigt, dass der Widerstand gegen das Hitler-Regime schon frühzeitig erfolgte. "Gerade angesichts rechtsextremistischer Tendenzen in der Region ist die Gedenkstätte ein wichtiges Signal an die Jugend", meint er. Den "authentischen Ort" wolle man nicht aufgeben. Der Freundeskreis mit seinen 150 Mitgliedern will kämpfen.
Seit sieben Jahren währt der Streit. Der nunmehr pensionierte Beamte der Oberen Bauaufsicht in Potsdam hatte gegen den Denkmalstatus des Gebäudes geklagt. Das Verfahren endete kürzlich mit einem Vergleich vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg. Das Gebäude darf nunmehr abgerissen werden, das Inventar müsse aber sachgerecht dokumentiert und eingelagert werden. Die Ausstellungsstücke wurden nun von der Stadt Königs Wusterhausen übernommen. Die Kritik, die Kommune habe sich nicht genug um den Erhalt der Gedenkstätte bemüht, weist Vize-Bürgermeister Paul Steiner zurück: "Es handelt sich um Privatbesitz, die Denkmalauflagen wurden erfüllt." Die Ausstellungsstücke sollen der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht werden, sagt er.
Auch der Landkreis betont, dass sämtliche Auflagen erfüllt seien. "Das Inventar wurde vom Hauseigentümer dokumentiert, die Liste wurde überprüft", sagt die Kreis-Sprecherin Heidrun Schaaf. Beim Abriss werde ein Mitarbeiter vor Ort sein und beobachten, ob weiteres Inventar auftaucht.
Im Potsdamer Infrastrukturministerium will man den Streit nicht kommentieren. "Das ist Privatsache", sagt ein Sprecher. Auch der Hauseigentümer ließ verlauten, dass er sich zu der Auseinandersetzung nicht äußern möchte. In der Antwort zu einer Anfrage der Bundestagsabgeordneten Gesine Lötzsch (Linke), die der Märkischen Oderzeitung vorliegt, schrieb das Bundesfinanzministerium indes, dass dem Käufer "die Absicht der Denkmalschutzbehörde bekannt war, das ganze Ensemble unter Schutz zu stellen". Eine öffentliche Nutzung sei "vom Käufer weiterhin zu gewährleisten". Und: "Die ausdrückliche Wiederholung ... der Eintragungen in der Denkmalschutzliste sind im Kaufvertrag unterblieben ..." In der Obersten Denkmalschutzbehörde des Landes heißt es wiederum, man habe mit der Angelegenheit nichts mehr zu tun und verweist auf den Landkreis.
Der öffentliche Zugang ist nach Angaben des Freundeskreises kurz nach dem Kauf im Jahr 2002 verwehrt worden. Zudem pocht der Verein jetzt auf seine Eigentumsrechte am Inventar. Renkl behauptet, dass der Hauseigentümer im vergangenen Jahr die Ausstellungsstücke verkaufen wollte. Das habe man verhindern können.
2000 Unterschriften hatten Renkl und die anderen Vereinsmitglieder für den Erhalt der Thälmann-Gedenkstätte gesammelt, hunderte Postkarten an Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) geschickt. "Es kam nie eine Reaktion", sagt Renkl. Entrüstet zeigen sich auch Opferverbände über den geplanten Abriss. "Das ist eine Kulturschande", so der Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Gerhard Fischer. "Die Geschehnisse zeigen, wie wenig Respekt der Persönlichkeit von Ernst Thälmann entgegengebracht wird." Der Erhalt kultureller Substanz der ehemaligen DDR sei im Einigungsvertrag verbürgt. Kritik kommt auch vom Internationalen Buchenwald-Komitee. Am 23. August ist eine weitere Kundgebung geplant. "Wir werden nicht stillsitzen", sagt Renkl.

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