Frankfurt (Oder) (MOZ) Am 14. August wäre Erwin Strittmatter 100 Jahre alt geworden. Ob dieses Jubiläum zu feiern ist, darüber entzweit sich gerade Spremberg, die Geburtsstadt des Schriftstellers. Der Disput schwelt schon seit vier Jahren, seit der Literaturwissenschaftler Werner Liersch in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über eine angebliche SS-Mitgliedschaft Strittmatters schrieb. Seitdem halten die einen eine Jubiläumsfeier für diesen Autor, dessen Bücher in der DDR von Millionen gelesen wurden, für überflüssig. Andere sehen ihn diffamiert.
Darin weist Jahns nach, dass es für die Behauptung, Strittmatter sei Mitglied der SS gewesen, keine schlüssigen Beweise gibt. Und er nimmt sich dafür zuerst jenes Dokument vor, das Lierschs These am ehesten stützt: Strittmatters Musterungskarte. Sie ist von einem SS-Mann unterschrieben und bescheinigt Strittmatter, für die SS tauglich zu sein. Diese Bescheinigung habe er gebraucht, weil sich der angehende Dichter freiwillig zur Schutzpolizei gemeldet hatte, so Jahns. Wahrscheinlich wollte sich der junge Familienvater damit einen Fronteinsatz ersparen und seine junge Familie finanziell absichern.
Womit Strittmatter nicht rechnen konnte, ist seine Verwendung und dass die Schutzpolizei später zu SS-Polizeiregimentern umgebildet wurde. Das bedeute aber nicht, dass Strittmatter automatisch Mitglied der SS gewesen sei, betont Jahns. Für die habe weiter das Prinzip der Freiwilligkeit gegolten. Und dafür würden im Fall Strittmatter noch immer die Belege fehlen.
Als Schutzpolizist wurde Strittmatter während des Krieges unter anderem nach Polen, Finnland, Slowenien und Griechenland geschickt. Strittmatter hatte immer behauptet, während des Krieges keinen Schuss abgefeuert zu haben. Dass er an blutigen Vergeltungsaktionen an Zivilisten beteiligt gewesen sei, ist ebenfalls nicht belegbar. Nach dem, was Jahns recherchiert hat, war Strittmatter kein Kriegsverbrecher.
Allerdings hat er, und das wirft Jahns ihm vor, zu DDR-Zeiten seine Biografie geschönt. Strittmatter habe bewusst verschwiegen, dass er sich freiwillig zur Schutzpolizei gemeldet habe. Nicht zuletzt aus Karrieregründen. Strittmatter habe in den 50er-Jahren nach einer führenden Stellung im Schriftstellerverbandes gestrebt, in einer ideologisch aufgeheizten Zeit, in der eine ausgewogene, sachliche Debatte darüber, dass er zwar zu einem SS-Polizeiregiment aber nicht zur SS gehört habe, nicht möglich gewesen sei.
Jahns beschreibt Strittmatter als nachdenklichen Zauderer und will ihn vor einem politischen Urteil bewahren. An seinen Recherchen ist kaum zu rütteln. Allerdings am Stil des Buches. Jahns Ton gerät zuweilen arg flapsig oder sehr polemisch.
Trotzdem kann dieses Buch einem sachlichen Umgang mit Strittmatter nur nützlich sein, dessen Pazifismus Jahns nicht in Abrede stellt. Ganz anders als beim jungen Grass. An dessen freiwilligem Eintritt zur Waffen-SS zweifelt Jahns nicht.
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Neueste Kommentare
24.05.2012 14:23:07 FF Leser
Das soll nun der große "Wurf" im Nahmensfindungsprozess sein?
24.05.2012 14:07:29 Dagmar Rietz
Demokratie wagen
24.05.2012 13:53:56 Courage
Wir nehmen aber auch ALLES !
24.05.2012 13:52:45 Bürger dieser Stadt
zum Thema
24.05.2012 13:44:50 KF
Schlimm