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Ines Weber-Rath 14.09.2017 06:30 Uhr
Red. Seelow, seelow-red@moz.de

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Fluchterfahrungen von Kriegskindern

Seelow (MOZ) Die Erfahrungen, die Flüchtlinge einst, während des Zweiten Weltkrieges und danach machen mussten und die der heutigen Kriegsflüchtlinge ähneln sich. Vor allem jedoch sind die Erlebnisse traumatisch. Das wird im Stück "Puzzle - Kriegskinder erzählen: Flucht und Vertreibung gestern und heute" deutlich, das am Mittwoch im Kreiskulturhaus Premiere hatte.

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Lob und Dank: Simona Koß (l.) bat am Ende der Premieren-Vorstellung alle Mitwirkenden sowie die Vertreter des Kreis-Kinder- und Jugendrings als Träger, Förderer und andere Unterstützer nach vorn.

© Johann Müller

Nicht oben, auf der Bühne, sondern mitten im Großen Saal haben die Akteure um Monika Dobrowlanska die Kulisse fürs Stück aufgebaut. Die Zuschauer, darunter Neuntklässler aus der Seelower Oberschule und Flüchtlinge aus der Neuhardenberger Unterkunft, sitzen im Kreis darum herum. So sind sie faktisch mitten im Geschehen.

Genau das hat Dobrowlanska, von der das Konzept fürs Stück stammt, für das sie auch Regie führt, gewollt. Schließlich berührt das Thema jeden im Saal und im Land.

Als Darsteller hat sie sowohl Berufs-Schauspieler als auch Laien gewonnen. Unter ihnen mehrere Flüchtlinge. Zwei von ihnen, Ykob Mogos (18) und Wizz Koosaar Yare (17) aus Äthiopien, hat die Regisseurin in der Seelower Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kennengelernt. Ende vorigen Jahres hatte Monika Dobrowlanska begonnen, die jungen Männer zu interviewen. Die Rolle eines anderen, eines jungen Pakistani, hat Schauspieler Julian Ricker kurzfristig übernommen. "Er ist abgeschoben worden", erklärt Dobrowlanska. So erzählt ein Deutscher die pakistanische Flucht-Geschichte.

Irgendwie ist genau das typisch für das Stück: es findet ein ständiger, teils verwirrender Wechsel zwischen Zeiten und Nationalitäten statt. Es beginnt mit der Erinnerung eines damals zehnjährigen deutschen Mädchens, das zum Kriegsende aus ihrer Heimat im heutigen Polen fliehen musste - und in Lietzen landete, wo es von den eigenen Landsleuten gedemütigt und ausgenutzt wurde. Den Zeitzeugenbericht hat der deutsch-polnische Verein My Live - Erzählte Zeitgeschichte aufgeschrieben, gespielt wurde das Mädchen (großartig!) von Schauspielerin Mirja Henking.

Sie saß Rücken an Rücken mit Fargal Wali. Die aus Kabul stammende 20-jährige Afghanin, die schon gut Deutsch spricht, trug viele Teile zum großen Flüchtlings-Puzzle im Stück bei. Zum Beispiel die Erfahrung "die Leute, die uns hassen, sind selbst schlecht. Gute und Böse gibt's unter allen Menschen."

Unter die Haut gehen auch die von Schauspieler Vadim Grakowski gespielte Geschichte des aus Weißrussland stammenden jüdischen Jungen Mark Perlemann. Er war vor den Nazis nach Russland geflohen - um dort erstmals die volle Packung Antisemitismus zu erfahren.

Eine andere Zeugin aus jener Zeit erzählt ihre Erlebnisse mit Flucht und Vertreibung nach dem Weltkrieg - wenn auch nur bruchstückhaft - im Stück selbst: Dorothea Wettengel aus Letschin. Die heute 84-Jährige war als 12-Jährige mit ihrem kleinen Bruder allein aus Niederschlesien geflohen. Im Stück sind zudem Erinnerungen der Letschinerin Brunhilde Fischer (82) verarbeitet. Sie war zur Premiere verhindert, weil erkrankt.

Und dann ist da noch dieser Hitlerjunge, gespielt von Volkmar Leif Gilbert. Er soll als 17-Jähriger zum Volkssturm und hat einfach Glück: seine Unterlagen verbrennen bei einem Luftangriff.

Viele der heutigen Kriegskinder haben weniger Glück, wie das Schicksal des jungen Pakistani zeigt, dessen Vater als Taliban-Gegner ermordet worden ist und der floh, um dem gleichen Schicksal zu entgehen.

In vielen Sequenzen setzen sich die Darsteller im "Puzzle" mit den Ängsten vieler Deutscher, aber auch osteuropäischer Mitbürger vor Überfremdung auseinander. Sie gehen der Frage "was ist deutsch?" und "wer ist für Sie ein Flüchtling?" nach. Eine Antwort gibt Fargal: Sie unterscheidet zwischen jenen, die überleben und denen, die nur besser leben wollen.

Auch Medienschelte gibts im etwa 80-minütigen Stück. Journalisten würden Ängste, wie die vor den Bärtigen schüren, heißt es. Und dann findet eine Talkshow statt.

Am Ende ist Kerstin Dickhoff vom Kreis-Kinder- und Jugendring (KKJR) zu Tränen gerührt. Der Verband ist der Träger des dokumentarischen Theaterprojektes, das von der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung und dem Landkreis gefördert worden ist.

Die SPD-Landtagsabgeordnete Simona Koß dankte allen Beteiligten für ihr außerordentliches Engagement und überreichte selbst gekochte Marmeladen-Präsente. Die bildungspolitische Sprecherin der Landtagsfraktion hatte die Schirmherrschaft über das Projekt übernommen.

Nun geht das Theaterstück auf Tournee - zuerst nach Berlin, dann an weitere Orte in Märkisch-Oderland.

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