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Christian Heinig 09.12.2011 20:03 Uhr

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Kunst hinter Stacheldraht

Berlin (MOZ) Seit Jahren besetzt eine Künstler-Initiative das Tacheles, das die HSH Nordbank als Zwangsverwalter möglichst gewinnbringend versteigern will. Die Räumung einer Ausstellung sowie die Beschlagnahmung der Werke eines Künstlers ist jedoch für alle überraschend gekommen.

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Der weißrussische Künstler Alexander Rodin vor seinem Atelier in der fünften Etage im Künstlerhaus Tacheles in der Oranienburger Starße in Berlin Mitte. Am 7.12. wurden seine Kunstwerke beschlagnahmt.

© MOZ

Schweren Schrittes steigt Alexander Rodin hinauf in die fünfte Etage. "Es ist unglaublich", sagt er auf dem Weg kopfschüttelnd immer wieder. Der weißrussische Künstler kann noch immer nicht fassen, was sich am Mittwoch in seinem Atelier zugetragen hat. Oben angekommen, zeigt er erst auf den Stacheldraht, dann auf das ausgewechselte Türschloss. "Sie haben meine Werke eingesperrt. Dass so etwas in Deutschland passiert, ist nicht zu glauben."

Wie jeden Morgen stand Rodin am Mittwoch gegen 9 Uhr in seiner Galerie im berühmten Kunsthaus Tacheles in der Oranienburger Straße in Mitte, wo er gerade eine Ausstellung zeigt, als es an der Tür klopfte. Da Rodin um diese frühe Uhrzeit keine Besucher erwartete, ignorierte er die Geräusche. "Plötzlich", so schildert er es in gebrochenem Englisch, sei die Tür aufgebrochen worden. "Mehr als 30 schwarz gekleidete Security-Männer sind hineingestürmt", so der Künstler, "und zwangen mich, die Räume zu verlassen. Ich konnte nur noch meine Jacke nehmen." Anschließend wurde die Tür versiegelt, dahinter: 15 seiner vier mal 20 Meter großen Bilder.

"Es gab keinen Gerichtsbeschluss für diese Aktion", sagt Martin Reiter, der Sprecher des Kunsthauses Tacheles. Er wirft der HSH Nordbank, die das Tacheles seit der Pleite des Eigentümers 2007 zwangsverwaltet, Willkür vor. Im Auftrag der Bank, so Reiter, habe die Anwaltskanzlei Schwemer Titz & Tötter die Räumung von Rodins Ausstellung vorgenommen.

Die Bank hat die Vorwürfe zurückgewiesen. Eine Sprecherin sagte, dass es sich bei der Räumung "um eine zivilrechtliche Maßnahme des Zwangsverwalters" gehandelt habe, "der vom Gericht eingesetzt wurde und nicht im Namen der HSH Nordbank" handele. Das zuständige Amtsgericht Mitte wollte einen solchen Gerichtsbeschluss, mit dem die Kanzlei beauftragt wurde, am Freitag weder bestätigen noch dementieren. Die Kanzlei selbst gab keine Stellungnahme ab.

Oft schon hat das Tacheles, das seit Februar 1990 besetzt wird, kurz vor dem Aus gestanden. Vor drei Jahren sind die Mietverträge der Künstler ausgelaufen, seither ließ die HSH gegen die Nutzer ein förmliches Räumungsverfahren einleiten. Die Gastronomie-Fraktion hat das Haus bereits im Sommer verlassen, gegen die Zahlung von einer Million Euro. Das Gros der Künstler beansprucht hingegen für sich, nicht käuflich zu sein und verharrt. "Alles ist möglich", sagt Hüseyin Arda, ein Besetzer der ersten Stunde, der eine Metallwerkstatt auf dem Gelände besitzt.

Im Raum steht nach wie vor die Zwangsversteigerung des Tacheles. Der erste Termin im April war geplatzt, ein neuer steht noch nicht fest. Reiter vermutet, die Beschlagnahmung der Werke von Rodin sei eine Maßnahme, um das Haus für die Zwangsvollstreckung "leer zu machen".

Kuri Hara hat sein Atelier in der dritten Etage. Der 28-jährige Künstler aus Japan, der seit vier Jahren im Tacheles an seinen abstrakten Malereien arbeitet, kennt Alexander Rodin schon lange. "Schlimm" sei die Räumung gewesen, sagt Hara. Er mache sich nun auch Sorgen um seine gut 100 Werke. "Morgen klopfen die bulligen Typen vielleicht bei mir?" Hara findet, Berlin brauche das Tacheles, "es ist ein Zeichen für freie Kunst in freien Räumen".

Dieses künstlerische Freiheitsgefühl hat bei Rodin am Mittwoch einen herben Dämpfer erlitten. Berlin hat er einst aufgesucht, um keine Angst mehr haben zu müssen vor Repressionen, wie sie ihn in seiner Heimat wegen seiner Kunst oftmals ereilten. Nun sind seine Bilder weg. Für wie lange, weiß keiner so genau.

Für Rodin, der sich sehr um den weißrussisch-deutschen Kulturaustausch bemüht und das Festival "Dach 16" mitinitiiert hat, ist die Sache doppelt bitter. Am kommenden Donnerstag will er im Goldenen Saal des Kunsthauses sein erstes eigenes Buch vorstellen. Es heißt "Global Warning", den gleichen Titel trägt auch seine Ausstellung, und es dreht sich allein um seine Werke. Um 25 Jahre seines Lebens, die er den Besuchern nun nicht im Original zeigen kann. Nur auf Fotos.

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