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27.01.2013 13:15 Uhr

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"Die Optimisten kamen nach Auschwitz"

Berlin (dapd) Es gibt einen bitteren Moment in dem wohl komischsten Film überhaupt: Die Komödie "Manche mögen's heiß" hat kaum 20 Minuten ihren Witz entfaltet, da wackeln Toni Curtis und Jack Lemmon auf Stöckelschuhen durch einen alten Bahnhof. Aus den gehetzten Blicken spricht die pure Angst. Ihr Leben ist in Gefahr. Regisseur Billy (Billie) Wilder selbst war 1933 per Zug geflohen - aus Berlin vom Bahnhof Zoo.

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Das biographische Album des in den 1930er Jahren in Schöneberg wohnhaften Filmregisseurs Billy Wilder liegt in der Ausstellung "Wir waren Nachbarn" in der Ausstellungshalle des Rathauses Schöneberg in Berlin . Mit der Machtergreifung der Nazis 1933 verlie  

Das biographische Album des in den 1930er Jahren in Schöneberg wohnhaften Filmregisseurs Billy Wilder liegt in der Ausstellung "Wir waren Nachbarn" in der Ausstellungshalle des Rathauses Schöneberg in Berlin . Mit der Machtergreifung der Nazis 1933 verlie

© dapd

Mit ihm gingen zahlreiche andere jüdische Filmschaffende und Künstler. Ein Exodus, von dem sich das deutsche Kino auch nach 80 Jahren noch nicht gänzlich erholt hat. Dafür erhielt die restliche Filmwelt Impulse. Wie, das zeigt die Retrospektive der diesjährigen Berlinale (7. bis 17. Februar). Diese widmet sich unter dem Titel "The Weimar Touch" den Einflüssen des Kinos der Weimarer Republik auf das internationale Filmschaffen nach 1933.

Mit Wilder gingen unter anderen auch Fritz Lang und Laszlo Löwenstein. Der eine hatte als Regisseur mit "Dr. Mabuse", "Metropolis" und "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" Weltruhm erlangt. Da und dort griff er auf seinen erster Beruf, Architekt, zurück, wenn er Figuren in ultramoderne Interieurs setzte. Der andere hatte bei Lang in "M" als Peter Lorre mit hervorquellenden Glubschaugen, vor allem aber einer überzeugenden und anrührenden Darstellung des pathologischen Kindermörders Filmgeschichte geschrieben. Lorre ging zunächst nach Paris. Später sollte er Wilder in Hollywood wiedertreffen und mit ihm in einer WG wohnen.

Lang hatte Angebot von Goebbels

Für Lang hätte es zumindest zunächst eine "Zukunft" in Berlin geben können. Propagandaminister Joseph Goebbels bot ihm persönlich die künstlerische Leitung der deutschen Filmindustrie an - unmittelbar nach dem Treffen verließ der Filmemacher Deutschland. Auch er ging nach Paris und später nach Hollywood.

Auch Wilder war zur Zeit seiner Flucht kein Unbekannter mehr. Nach kurzen Intermezzi als Eintänzer und als Polizeireporter war er Ende der 1920er wie viele junge Wilde in den Filmstudios von Babelsberg gelangt. Dort hatte er unter anderem mit Erich Kästner am Drehbuch für die erste Verfilmung von "Emil und die Detektive" gearbeitet (1930). 1929 entstand "Menschen am Sonntag" unter Beteiligung von Fred Zinnemann ("High Noon") sowie den Brüdern Curt und Robert Siodmak, später ebenfalls Hollywoodgrößen. Curt (er drehte unter anderem "Wolf Man") floh 1933 in die Schweiz, sein Bruder (drehte auch "Der rote Korsar") nach Paris.

Während Lang, Lorre sowie Wilder und seine Kumpel noch Jahrzehnte das Kino prägten, darunter auch der 1933 emigrierte Filmkomponist Werner Richard Heymann ("Die Drei von der Tankstelle"), hatten andere Kollegen weniger Glück. Wilder wird der Satz "Die Optimisten kamen nach Auschwitz, die Pessimisten nach Beverly Hills" zugeschrieben. In einigen Fällen trifft diese typische Überspitzung des genialen Filmemachers zu.

Zum Beispiel für Kurt Gerron. Der massige Mediziner wurde 1933 direkt von der Arbeit an seinem Streifen "Kind, ich freu mich auf dein Kommen" aus dem Studio in Babelsberg gewiesen. Er filmte daraufhin in Frankreich und den Niederlanden. Statt aber in die USA auszuwandern, wie es Lorre für ihn bereits eingerichtet hatte, blieb er in Europa und wurde von den Nazis inhaftiert. Dass er einst im "Blauen Engel" an der Seite von Emil Jannings gewirkt oder 1928 bei der Weltpremiere der "Dreigroschenoper" gespielt hatte, half nicht mehr. Er kam in Auschwitz um, nur kurz, nachdem im KZ Theresienstadt ein Film unter seiner Regie fertig wurde, der das vorgebliche Wohlergehen von Juden beschrieb und unter dem Titel "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" traurige Berühmtheit erlangte. Gerron starb wahrscheinlich am 28. Oktober 1944. Nur einen Tag später wurde an gleicher Stelle sein Schauspieler- und Komikerkollege Otto Wallburg ermordet. Er war wie Gerron 1933 von der Ufa entlassen worden.

Auch auf Paul Morgan traf Wilders Satz zu. Der Schauspieler hatte 1916 in Fritz Langs erstem Film überhaupt, "Halbblut", mitgewirkt. 1930 schaffte er den Schritt nach Hollywood. Er kehrte kurz darauf nach Deutschland zurück, floh aber 1933. 1938 wurde das NS-Regime seiner in Österreich habhaft. Wenig später starb er im KZ Buchenwald.

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