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Auf der Suche nach der Seele

Claudia Seiring / 10.04.2012, 13:30 Uhr - Aktualisiert 10.04.2012, 14:26
Sieversdorf (MOZ) Die Märkische Oderzeitung und die Stiftung Schloss Neuhardenberg verleihen auch in diesem Jahr den Brandenburgischen Kunstpreis. Im Vorfeld stellt die Märkische Oderzeitung Brandenburger Künstler vor:

Sabine Heller sieht fröhlich aus. Rot die Lippen, gülden das Ohrgehänge, kräftig der Händedruck zur Begrüßung, und schon lässt die Künstlerin den neugierigen Besucher allein. Bei der Erkundung der Sieversdorfer Scheune mit ihren Schätzen will sie nicht stören, nicht dazwischenreden, nichts erklären. Der erste Blick auf ihr bildhauerisches Werk soll unvoreingenommen sein. Die Sonne fällt durch das Scheunentor und beleuchtet die vielen Skulpturen. Sie stehen lebensgroß an den Wänden, liegen entspannt in der Mitte, sitzen versunken auf Podesten. Es ist eine große Versammlung verschiedener Persönlichkeiten, von denen jede völlig autonom wirkt, gleichzeitig aber mit der großen Schar in Verbindung zu stehen scheint. Am meisten fällt auf: Diese Figuren sind ganz bei sich, sie strahlen Ruhe aus, trotz einer Spannung, die zu spüren ist. So, als würden sie auf jemanden warten. Doch wenn keiner kommt, ist das nicht schlimm.

Sabine Heller arbeitet mit Tonziegeln, die sie aufeinander stapelt und modelliert. Mit dem Spachtel schnippelt sie an ihren Skulpturen herum, manchmal nutzt sie Säge oder Axt. Das kantige Grundmaterial wird verfremdet, bleibt aber erkennbar. So werden ihre Arbeiten nicht glatt, sondern behalten eine grobe, schrundige Oberfläche. Über die zu streichen sich anfühlt, wie auf wettergegerbter Haut entlangzufahren. Es gibt viele Mütter hier, mit Kindern im Bauch und davor. Die Mutter-Kind-Beziehung ist die einzige, in der Sabine Heller ihre Figuren zueinander setzt, nur ein einzelnes Mann-Frau-Paar ist zu sehen. Trotz des groben Materials sind die weiblichen Akte, die schützend ihre Hände um das Kind oder auf den gewölbten Leib legen, von großer Zärtlichkeit. Die Nackten sind nicht niedlich oder sexy. Ihre Brüste hängen herunter wie ausgesaugt. Weiblichkeit ohne Koketterie.

Die Märkische Oderzeitung und die Stiftung Schloss Neuhardenberg verleihen auch in diesem Jahr den Brandenburgischen Kunstpreis. Im Vorfeld stellt die Märkische Oderzeitung Brandenburger Künstler vor:

 

„Gesten habe ich bei meinen Figuren nicht so gern. Von Anfang an will ich die Seele haben.“ Danach sucht Sabine Heller während des Arbeitsprozesses. „Man ist ja wie ein Schöpfer.“ Bevor sie mit der Arbeit an den Tonziegeln beginnt, zeichnet sie viel, gerne nach Modell. Die Vorstellung davon, in welcher Position sie jemanden abbilden möchte, hat sie bereits im Kopf. Für ihre Figurengruppe „Schlaf am Mittag“, die jetzt im Garten vor der Scheune liegt, lautete die Anweisung „Stell’ dir vor, dir ist kalt, und trotzdem fühlst du die Nähe der anderen“. Genau das ist zu sehen: Ungeschützt liegen die drei Frauen mit dem Kind auf der Wiese. Sich ihnen zu nähern, fällt schwer – die Schlafenden strahlen eine Intimität aus, die ungestört bleiben will.

Wenn die 55-Jährige mit der Arbeit an einer Skulptur fertig ist, wird diese Stück für Stück wieder auseinandergenommen, um gebrannt zu werden. Danach werden die Einzelteile wieder eingepasst. „Das ist eine elende Aufgabe, dieses Zusammengefummel“, findet Sabine Heller. Am liebsten wäre sie Millionärin, könnte vom fertigen Objekt einen Silikonabguss machen und diesen in Bronze gießen lassen. Das Zusammensetzen ihrer Arbeiten ist ihr zu sehr Handwerk, nicht mehr kreativ genug. Und auch zu schwer. Denn die einzelnen Segmente haben zum Teil ein enormes Gewicht. Und so kommt es, dass im Garten nicht nur die schlafende Figurengruppe liegt, sondern auch noch diverse Skulpturen in ihren Einzelteilen darauf warten, dass die Schöpferin sich ihrer annimmt. Eine von ihnen harrt schon seit zehn Jahren auf die Vervollkommnung.

Seit 1987 arbeitet Sabine Heller mit Tonziegeln. Ein Neuruppiner Symposium mit dem Rheinsberger Keramiker Karl Fuller gab die Initialzündung. „Der hatte einen Hänger voll ungebrannter Ziegelsteine dabei und forderte uns auf, damit zu arbeiten“, sagt Sabine Heller. Ihr gefiel, dass sie bei den Ziegelsteinen auf nichts Rücksicht nehmen musste, sie frei bearbeiten konnte. Auch vorher hatte sie schon mit Ton gearbeitet, diesen aber hohl aufgebaut. Nun also Ziegelsteine.

Parallel zum neuen Material änderten sich auch die Lebensumstände von Sabine Heller. Hatte die gebürtige Berlinerin bislang mit anderen Künstlern in der Burg Goldbeck bei Wittstock (Ostprignitz-Ruppin) gelebt und gearbeitet, führte sie der Weg Ende der 80er-Jahre mit ihrem neuen Lebensgefährten, dem Keramiker Tomas Grzimek, nach Sieversdorf (Oder-Spree).

Direkt neben der Kirche liegt das Grundstück, auf dem sich auch ihr Atelier befindet. Davor stehen – wie in der Scheune – lebensgroße Figuren, Köpfe und Büsten, manche mit roten Mündern und blauen Augen. Ihre Farbwahl erfolgt spontan, „manche schmiere ich richtig zu“. Gefällt ihr die Farbe nicht, wird sie entfernt, das Brennen ändert den Ton, prinzipiell bevorzugt sie Erdtöne, Oliv, Braun, Grau und dunkles Rot.

Sabine Heller probiert viel aus, bevor sie zufrieden ist. „Manchmal wechsle ich die Köpfe“, klingt dramatischer als es ist – am Ende muss ihr Werk stimmig sein, natürlich mit Seele. Und sie weiß sehr genau, was ihren Skulpturen gut tut: „Ich kann niemandem zumuten, für immer in einer Pose zu verharren.“ Auch das eine Erklärung für die Reduktion, das Fehlen extrovertierter Gesten. „Früher konnte ich keine Figuren modellieren, die offene Augen hatten. Ich habe mich immer gefragt, wo gucken die hin?“ Sie schützt ihre Skulpturen.

Für den Brandenburgischen Kunstpreis der Märkischen Oderzeitung hat Sabine Heller in diesem Jahr die Plastik modelliert, die die drei Gewinner des Wettbewerbs erhalten werden. Sie selber kann deshalb nicht daran teilnehmen, nimmt das aber gelassen. „Die eine, die perfekte Figur habe ich sowieso noch nicht gefunden.“ Das mag für sie stimmen. Wer jedoch das Glück hat, einfach durch ihren Garten und die Scheune spazieren zu dürfen, kann einen anderen Eindruck gewinnen.

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