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Silvia Fichtner 03.06.2013 09:28 Uhr

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Heimkehr eines Vaterlandslosen

Kunersdorf (MOZ) Er ist wieder eingezogen. Dieses Mal vermutlich von Dauer, denn seine Intentionen, die ihn mit Kunersdorf verbinden, sind nicht nur wegen jenes Sommers so angenehm und erheiternd, in dem ihm hier "Peter Schlemihls wundersame Geschichte einfiel, das Märchen über den Mann ohne Schatten, das ihn weltberühmt machte. Allerdings ist das schon 200 Jahre her und sein Vermächtnis weitaus reicher.

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Enthüllung des Chamisso-Reliefs der Bildhauerin Ev Pommer

© Bernhard Franz

Hat Adelbert von Chamisso gerade geseufzt? Justament ist sein Relief-Gesicht das verhüllende Tuch los und er blickt - ein wenig erstaunt - auf die zahlreiche Gästeschar im Kunersdorfer Musenhof, die gekommen ist, ihm, den Vaterlandslosen, den deutschen Franzosen oder französischen Deutschen? ein Dach über dem Kopf zu bieten, ihn willkommen zu heißen.

Da entdeckt er die Berliner Bildhauerin Ev Pommer, die ihm auf Wunsch der weltweit ersten, 2010 hier in Kunersdorf gegründeten Chamisso-Gesellschaft, eben dieses Gesicht gegeben hat, das so augenscheinlich zu den übrigen Kunstwerken im Haus, im Garten und der einzigartigen klassizistischen Grabkolonnade passt. Auch die von seinem Hiersein beglückte Hausherrin Margot Prust macht er aus unter den vielen Menschen, und Jutta Weber, die sich als Leiterin der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin u.a. um seinen Nachlass kümmert und gleichsam Chefin eben dieser deutschen Literaturgesellschaft ist, die seinen Namen trägt und inzwischen 71 Mitglieder aus verschiedenen Ländern zählt. Gleichfalls unter den Anwesenden erkennt der Dichter und Naturforscher eine Reihe der Wissenschaftler aus vielen Teilen der Welt, die sich gerade in Berlin mit ihm, Chamisso, beschäftig haben - auf der 2. Internationalen Chamisso-Konferenz, ausgerichtet von der Chamisso-Gesellschaft, der Staatsbibliothek und der Humboldt-Universität zu Berlin. Der erste Gedankenaustausch hatte vor zwei Jahren schon internationale Chamisso-Forscher nach Paris gerufen. Aus Paris, Catania, Kairo, Athen, Tromsø, London, Manchester, Montreal, Madrid, Würzburg. München, Trier, Hannover, Bielefeld, Berlin sind sie dieses Mal angereist.

Ah, das ist Monsieur le Professeur für deutsche Literatur- und Kulturgeschichte René-Marc Pille aus Frankreich. Er hat den Eröffnungsvortrag in Berlin gehalten, über den aufgeklärten Romantiker Chamisso. Seit 30 Jahren beschäftigt sich Pille mit Chamisso. "Als jungen Kerl nahm mich keiner so recht ernst in meinem Bemühen, das bis dahin geltende Bild von Chamisso zu revidieren", erinnert sich der französische Germanist Pille mit Augenzwinkern. "Im 18. Jahrhundert stritt man um ihn, war er nun mehr Franzose oder mehr Deutscher? Und heute: War er ein Romantiker? Oder eher ein Aufklärer?" Und Pille merkt lachend an: "Erst seit ich den Professorentitel trage, beachtet man in Frankreich auch meine wissenschaftliche Arbeit. In Deutschland scheitert die Rezeption und Kommunikation oft daran, dass ich zu wenig übersetzt bin." Da er als Adressaten seiner Arbeit nicht ausschließlich seine international forschenden Kollegen sieht, sondern vornehmlich Interesse an Chamisso bei jedermann wecken möchte, will er demnächst auch auf Deutsch schreiben. Verständlich."Die Klarheit des Ausdrucks ist eine Form der Höflichkeit", findet Pille. Am meisten habe ihn an der Berliner Konferenz beeindruckt, dass sich unbefangen Neugierige zu den Vorträgen eingefunden hatten, nicht nur Wissenschaftler.

Jutta Weber hörte aus allen Konferenzbeiträgen ungewohnte Sichtweisen auf Chamisso und seinen Schlehmil-Text heraus, nicht nur aus Caroline Gerlach-Berthauds (Université de Montreal) aufregender Betrachtung über Chamisso als Selbstübersetzer. "Wir haben beschlossen, alle Vorträge in einer Art Jahrbuch zu publizieren, um sie der breiten interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen", versichert Jutta Weber, so, wie auch Chamissos Nachlass, der dank der weiteren großzügigen Unterstützung der Robert-Bosch-Stiftung in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek wissenschaftlich erschlossen wird, bis 2014 vollständig im Internet aufrufbar sein soll.

Chamisso scheint ganz aufgekratzt von derlei Neuigkeiten und lauscht weiter den sich allenthalben entspinnenden Gesprächen.

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