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Frauke Adesiyan 02.03.2015 14:39 Uhr

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200 Jahre Singakdemie: "Das ist wie eine Therapie"

Frankfurt (Oder) (MOZ) Wenn eine 200-Jährige Geburtstag feiert, dann können die Geschenke schon mal etwas extravaganter ausfallen. Das hat man wohl auch bei der Singakademie gedacht und sich selbst eine Uraufführung geschenkt. An diesem Sonntag wird Siegfried Matthus' eigens für das Festkonzert entstandene Komposition "Von der Macht des Gesangs" in der Frankfurter Konzerthalle erklingen. Gesungen natürlich von den Mitgliedern der Singakademie selbst. Doch wer oder was ist diese Singakademie heute, 200Jahre, nachdem eine Handvoll Frankfurter Bürger sie als Singe-Gesellschaft gründeten?

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Gibt seit fast 30 Jahren den Ton an: Chordirektor Rudolf Tiersch (l.). „Er hat uns im Griff“, beschreibt Benita Schade (Mitte) seinen Führungsstil. Sie und Reinhard Renner genießen am Singen vor allem, Teil einer Gemeinschaft zu sein.

© Winfried Mausolf

Eine mögliche Antwort bekommt, wer sich an einem Dienstagnachmittag zur Konzerthalle "Carl Philipp Emanuel Bach" begibt. Während neben einem die breite Oder vorbeifließt, sieht man über Stunden hinweg Sänger durch den Hintereingang in den modernen Anbau der ehemaligen Franziskanerklosterkirche strömen. Zuerst kommen die, denen man die Jahrhunderte dauernde Tradition am wenigsten ansieht. Grundschüler aus Frankfurt und Slubice eilen zur Probe des Spatzenchores und des deutsch-polnischen Projektchores "Singing all together". Später tauchen die Teenager-Mädchen vom Jugendchor auf, meist noch die Schultasche über der Schulter. Gleich darauf kommen die Jungen und Männer vom Knabenchor - und am Abend schließlich die größte Gruppe: die erwachsenen Sänger des Großen Chores. 252 Mitglieder hat die Frankfurter Singakademie heute, mehr als 200 von ihnen sind aktive Sänger. Sie sind zwischen sechs und 86 Jahre alt, Schülerinnen und Studenten, Arbeitslose und Ärzte, Sekretärinnen und Rentner.

Viele von ihnen können in der Probenpause von einem richtiggehenden Singakademie-Lebensweg berichten. Benita Schade zum Beispiel ist seit mehr als 30 Jahren Teil des Vereins, dabei ist sie gerade erst 40 geworden. Wenn sie abgehetzt von ihrem Job in der Stadtverwaltung zur Konzerthalle kommt, ist sie zunächst für niemanden zu sprechen. Doch es dauert nicht lange, da werden die angespannten Gesichtszüge weich. Lachend erzählt die Sopranistin dann von ihrem Stimmungswandel: "Es dauert eine halbe Stunde, dann geht es einem gut. Das ist wie eine Therapie."

Schon als Kind hat sie hier nicht nur singen gelernt, sondern auch, wie man die Bluse für den Auftritt sauber hält. Oder dass ein Eis vor dem Konzert der Stimme schadet. Auch um ein Teil der Gemeinschaft zu bleiben, hat Benita Schade einen Beruf gewählt, für den sie Frankfurt nicht verlassen musste. Sie ist geblieben - für die Singakademie, die für sie seit Kindheitstagen eine zweite Familie ist.

An einem viel späteren Punkt im Leben wurde der Chor für Reinhard Renner sehr wichtig. Seine zwei Söhne waren aktiv im Knabenchor, irgendwann fing auch seine Frau zu singen an. "Ich bin immer mit zu den Konzerten, aber den Gedanken, da oben auf der Bühne zu stehen, hatte ich nie", erzählt der heute 70-Jährige. Bis er bei einem gemeinsamen Wandertag 1990 angesichts eines eklatanten Mangels an Männerstimmen quasi genötigt wurde, Chorsänger zu werden. "Da hieß es auf einmal: Wir singen ein Lied für unser neues Chormitglied, Reinhard Renner", erinnert er sich lächelnd. Gesträubt hat sich der Autodidakt mit Bass-Stimme nicht und schnell die Erfahrung gemacht, wie wichtig diese Gemeinschaft werden kann - etwa in Zeiten der Arbeitslosigkeit. "Ich fühle mich befreit und glücklich in dieser Runde", sagt er heute.

Viele der Mitglieder berichten davon, welchen Energieschub sie aus dem Singen ziehen. Ausgangspunkt dieser Kraftübertragung ist seit 1986 Chordirektor Rudolf Tiersch. Scheinbar mühelos flötet er bei Proben die Sopran-Partien, tönt die Bass-Melodien. Mit kleinen Bewegungen gibt er Rhythmus und Lautstärke, Ausdruck und Stimmung vor. Es ist, als spanne er unsichtbare Strippen zu seinen Sängern. "Er hat uns im Griff, jeder einzelne fühlt sich angesprochen - und erwischt", beschreibt Benita Schade den Führungsstil. Für den Chorleiter ist das ein Kraftakt. "Ich bin danach reif für die Insel", beschreibt Rudolf Tiersch seinen Gemütszustand, wenn die Probe am späten Abend zu Ende geht.

Doch woher nimmt er seit nunmehr fast 30Jahren diese Kraft? Von seinem Vater habe er gelernt, sich immer mit vollem Herzen einzubringen - ein Grundsatz, der bei dem voluminösen Chordirektor keine Plattitüde ist. Es ist diese Einstellung, die alle Chormitglieder an seinen Händen und Lippen hängen lässt. Dieses absolute Einlassen auf jeden Gegenüber macht ihn aber auch verletzlich. "Es kostet eine Unmenge Energie, manchmal könnte ich bei so einer Probe heulen", gibt Tiersch zu.

Überhaupt sei das Singen ein Striptease. "Wer singt, kehrt sein Innerstes nach außen, man fühlt sich immer nackig", erzählt der 54-jährige Diplomdirigent. Für ihn ist es etwas aus der Zeit Gefallenes, was den Chor ausmacht: das Gemeinsame, das Einordnen, das Geben, ohne einen direkten Nutzen für sich herauszuziehen.

Sophie Wudka und Magda Hanschel können an ihrem Hobby Jugendchor hingegen nichts Altmodisches finden. "Wir sind ganz normale Teenager", betont die 16-jährige Sophie. Neben Klassik läuft bei ihr zu Hause ebenso Hip-Hop, und auch das Gekicher und Getratsche im Chor unterscheidet ihn kaum von anderen Mädchengruppen.

Dennoch ziehen die Gymnasiastinnen das Singen in der Gruppe den Castingshow-Träumen anderer Jugendlicher vor. "Es macht den Chor aus, dass wir zusammen singen. Jeder ist wichtig, keiner soll herausstechen", beschreibt die 15-jährige Magda das Besondere. Ein bisschen bewundernd schauen die Mädchen trotzdem auf den Knabenchor, der mit seinen vielen Auftritten auch im Ausland mehr im Rampenlicht steht.

Einer, für den das schon seit sieben Jahren zum Alltag gehört, ist Jean-Marc Wiesner. Er habe damals ein "Hobby für die Lebenszeit" gesucht und gefunden. In Italien war der 13-Jährige mit seinen Chorfreunden schon, in Schweden, Großbritannien, Finnland und zuletzt auf einer Tournee in den USA. Doch wenn andere häufig nur diese Höhepunkte sehen, bedeutet die Chormitgliedschaft tatsächlich auch viel Disziplin. Die Knaben bekommen Punkte für pünktliches Erscheinen, sorgfältigen Umgang mit den Noten und regelmäßiges Vorsingen. Wer nicht ernsthaft dabei ist, darf das nächste Mal nicht auftreten. Abschreckend findet Jean-Marc solche Regeln nicht. Teil des Chores zu sein, ist für ihn schlichtweg "cool".

Dieses Gemeinschaftsgefühl aufzubauen, ist für Rudolf Tiersch neben der künstlerischen Arbeit entscheidend. "Das sind eine Menge Leute aus einer Stadt, die an einem Strang ziehen und Positives ausstrahlen", beschreibt er den Effekt, der weite Bahnen zieht. Allein im vergangenen Jahr gaben die Chöre der Singakademie rund 50 Konzerte, denen etwa 22160 Gäste lauschten. Im laufenden Festjahr erwartet Tiersch eine noch größere Zahl von Zuhörern, die dabei sind, wenn seine Sänger ihr Innerstes nach außen kehren.

Festkonzert am 1. März, 19Uhr, Konzerthalle "C. Ph. E. Bach", Frankfurt (Oder), Kartentelefon 0335 4010120

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