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Joanna Stolarek 06.11.2016 15:55 Uhr

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Akademie für Filmagenten und Kulturmanager in Polen: "Im Osten gibt es Geschichten"

Breslau (MOZ) Dezent wischt sich die junge dunkelhaarige Frau die feinen Schweißperlen von ihrer Stirn ab und atmet hörbar aus. Erwartungsvoll sind die Blicke, die sie auf sich spürt. Ihre Stimme zittert, die Zunge stolpert. Zureden hilft wenig. Zu wichtig, zu groß, zu emotional ist das Projekt, das die junge Tschechin Terezie Krizkovska im Schloss Topacz bei Breslau vorstellt. Sie will ein Filmmuseum gründen. In Prag. Denn ein solches gibt es dort nicht, obwohl die Tschechen auf eine reiche Kinotradition zurückblicken.

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Unterstützung aus Deutschland: SOFA-Gründer Nikolaj Nikitin (l.) mit einem der Mentoren, Oliver Baumgarten, Programmleiter beim Saarbrücker Filmfestival Max Ophüls Preis.

© privat

Die Idee kam Terezie Krizkovska beim Kaffee, nach dem Besuch einer Kinemathek im Ausland. "Das kann doch nicht sein, dass es bei uns keinen Ort gibt, um die heimische Fimkunst zu würdigen?", überlegte sie. Der Gedanke ließ die 27-Jährige nicht los. Verbreitete sich immer weiter wie ein Virus, das bald auch ihre Freunde befiel. Ja, das machen wir, hieß es auf der einen Seite. Auf der anderen legten sich Zweifel über die anfängliche Euphorie. Verrückt sei es doch zu denken, jemand würde sich im Zeitalter des Internets und der virtuellen Wirklichkeit für die etwas angestaubte Kunst der Brüder Auguste und Louis Lumière interessieren wie sie. Oder doch?

Terezie Krizkovska studiert Film, und sie denkt wie eine Filmemacherin. In Szenen, Kameraeinstellungen, Schnitten. Und in Trailer. Ein Ankündigungsclip, ein Filmchen über den Film. Ein Appetithäppchen. So könnte man das NaFilM, das National Film Museum, den Menschen schmackhaft machen. Der erste Schritt war eine Ausstellung 2015 im Prager Museum Montanelli. Die Vision erhielt Konturen. Das tschechische Kino als Erlebnis zum Mitmachen, Anfassen und Fühlen. Die Resonanz war damals überwältigend und für Terezie Krizkovska ein Zeichen, dass ihre Idee zündet. Sie wird das Filmmuseum gründen.

Aber wie geht man solch ein Projekt an? Nikolaj Nikitin schmunzelt und nickt. Er ist ein alter Hase im Filmgeschäft. Der 42-Jährige arbeitet seit 15 Jahren für die Internationalen Filmfestspiele in Berlin - die Berlinale. Sein Spezialgebiet sind Produktionen aus Osteuropa, dem Kaukasus und aus Zentralasien. Der Experte, der in zahlreichen Jurys sitzt und an Hochschulen unterrichtet, reist als Berlinale-Delegierter in die osteuropäischen Länder, sucht besondere Produktionen aus, empfiehlt sie für die jeweilige Sektion des Festivals. Von den letzten acht Bären gingen vier in den Osten, sagt er und fügt hinzu: "Dort gibt es nämlich Geschichten." Allein die politischen Umwälzungen und die sich dadurch verändernde Gesellschaft zwingen quasi die Filmemacher, diese zu verarbeiten und visuell zu erzählen.

Ihre Produktionen finden weltweit Beachtung, gewinnen internationale Preise. Doch was fehlt, sagt Nikitin, seien Strukturen und Institutionen, die die Filmindustrie fördern, unabhängige Finanzierungen ermöglichen und Filmgeschichte bewahren. Es gebe keine Filmagenten, Kulturmanager, professionellen Festivalorganisatoren, Kinobetreiber und Vertriebsexperten. Es könne passieren, dass ein Film aus Moldawien in ganz Europa gefeiert werde, aber im Ursprungsland nirgends zu sehen sei, weil die Kinoketten nur Hollywood-Produktionen zeigten und es an Orten fehle, in denen heimische Filme präsentiert werden können.

Nikitin wollte seine Erfahrung und die seines Netzwerkes weitergeben, eine Art Entwicklungshilfe für die Stärkung regionaler Filmkulturen leisten. Programme und Schulen für Drehbuchautoren, Produzenten sowie Regisseure gebe es zwar. Doch die Kulturindustrie werde stiefmütterlich behandelt. "Und dieses Learning by Doing wiederholt unnötig Fehler, die auch wir anfangs gemacht haben", sagt er.

Also initiierte Nikitin 2013 mit der School of Film Agents (SOFA) einen jährlichen Workshop in Polen. Seine Zielgruppe sind junge Filmagenten aus Osteuropa, Enthusiasten, die neue Logistikwege für Filme entwickeln und so die Filmlandschaft in ihren Heimatländern stärken wollen. Dass die Akademie Erfolge bringt, zeigen Beispiele aus den ersten Jahrgängen, etwa das serbische Projekt Festival Box Office und die regionale rumänische Filmförderung Transilvania Film Fund.

Nikitin, in Moskau geboren und in Deutschland aufgewachsen, holte zahlreiche Förderer mit ins Boot, darunter das Auswärtige Amt, die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, das Goethe-Institut, das Polnische Filminstitut, die Film und Medienstiftung NRW sowie die Stadt Breslau. Damit wird der zehntägige SOFA-Workshop für die Teilnehmer kostenlos. Die Vorauswahl ist streng.

Terezie Krizkovska wurde neben sieben weiteren aus mehr als 100 Bewerbern für die diesjährige, vierte Auflage der Akademie ausgewählt. So unterschiedlich die Herkunftsländer ihrer Mitschüler, so verschieden auch ihre Projekte. Lisaveta Bobrykava aus Weißrussland beispielsweise will die erste unabhängige Filmförderung etablieren. Tekla Machavariani setzt mit ihrem Projekt "Nushi - Film Media Package" auf Information, eine Art Veranstaltungskalender zu georgischen Filmen. Die Modernisierung eines alten Kinos plant Dumitru Marian. Dort will der Moldawier heimische Produktionen zeigen. Iris Elezie träumt von einer Kinemathek in Tirana. Und die Ukrainerin Julia Sinkevych würde gern mehr ukrainische Filme im Ausland sehen. Einen ähnlichen Wunsch hat Inesa Ivanova aus Litauen. An ihre Seite bekamen die Teilnehmer Mentoren, darunter Oliver Baumgarten, Programmleiter Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken, Ewa Puszczynska von der Produktionsfirma Opus Film, die mit dem Drama "Ida" 2015 den Auslands-Oscar gewann, Katriel Schory vom Israelischen Filmfonds und Renaud Redien-Collot von der Pariser Business-School, der die jungen Menschen mit Marketing- und Businessplänen triezte.

"Das war aber richtig", sagt Terezie Krizkovska und lacht. "Ohne die trockene Materie der Zahlen bleibt auch die schönste Idee nicht realisierbar." In Einzelgesprächen und Workshops erfuhr sie zudem, wie sie das Phänomen "Film" zeigen und erfahrbar machen kann. Vor allem der künstlerische Direktor der Deutschen Kinemathek in Berlin, Rainer Rother, gab unzählige Tipps, wie die Tschechin ihr Projekt verwirklichen kann. Ende November soll es eine zweite Ausstellung in Prag geben. Wenn diese genauso erfolgreich wird wie die erste, werden die Räume nach sechs Monaten erweitert und zum Museum ausgebaut. Dann werde ihr Traum wahr, strahlt die junge Frau mit den blauen Augen.

Während ihre tschechische Kollegin das Projekt in Etappen verwirklicht, geht die polnische Produzentin und Filmwissenschaftlerin Magdalena Puzmujzniak in die Vollen. Der Termin für ihr geplantes Filmfestival in Posen steht fest (26.-30. September 2017). Es soll "Full Spectrum" heißen und die gesamte Palette der Realität abdecken.

Und diese bekomme man nur, wenn man die männliche und die weibliche Perspektive kombiniere, betont die 30-jährige Polin. Im Filmgeschäft dominiere immer noch die männliche Sichtweise. Obwohl die Hälfte der Absolventen einer Filmhochschule Frauen seien, drehten sie nur ein Fünftel aller Neuproduktionen, erzählt Magdalena Puzmujzniak. "Männer werden noch anders gefördert." Dabei würden Filme, die den "weiblichen Blick" erlauben, gern von Frauen gesehen. Das sei ein riesiges Potenzial.

Mit dem Festival will Magdalena Puzmujzniak Regisseurinnen, Kamerafrauen, Filmmusikerinnen, Drehbuchautorinnen, Darstellerinnen und auch Produzentinnen stärker in den Fokus rücken - ohne dabei jedoch die Männer aus dem Blick zu verlieren. Es wäre die erste derartige Form in Polen, die sich auf den weiblich geprägten Film konzentriert. "Ein Film ist ein Zusammenspiel von mehreren Talenten, Perspektiven und Faktoren. Dies zu zeigen wäre ein Traum", sagt die junge Frau.

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