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Ein Dichter, der nicht zur Volksbelustigung taugt

MOZ-Redakteurin Stephanie Lubasch
MOZ-Redakteurin Stephanie Lubasch © Foto: MOZ
Stephanie Lubasch / 03.10.2017, 18:30 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Bereits seit 1973 haben sie in Frankfurt (Oder) Tradition, bevor sie sich im Jahre 1991 in erweitertem Umfang neu erfunden haben: die Kleistfesttage. Sage und schreibe ganze vier Wochen lang - vom 18.Oktober, Heinrich von Kleists Geburtstag, bis zum 21. November, seinem Todestag - wurde der Dichter damals in seiner Geburtsstadt gefeiert. Und gleich drei seiner Stücke konnte das Frankfurter Theater selbst zu den 30Veranstaltungen beisteuern: "Prinz von Homburg", "Amphitryon" und "Die Familie Schroffenstein".

Mehr als zwei Jahrzehnte sind seitdem vergangen. Und vielen Unkenrufen und Spardebatten zum Trotz: Es gibt das Festival immer noch! Ab Donnerstagabend wird Frankfurt wieder zu 100 Prozent seinem Ortseingangsschild gerecht: Es ist Kleist-Stadt. Und auch wenn das Festival nicht mehr einen Monat dauert und kein eigenes Ensemble Produktionen beisteuern kann - das Programm aus Theater, Literatur, Musik und Ausstellung kann sich sehen lassen!

Es wäre auch zu schön, wenn die Zeit der Experimente endlich vorbei wäre. Denn es hat so einige gegeben! Man hat das Festival vom Herbst in den Sommer verlegt und wieder zurück. Man hat es, um Geld zu sparen, abwechselnd aufgeblasen und abgespeckt, als Theater- und Literaturvariante und unter wechselnder Federführung der einzelnen Veranstalter offeriert. Mal hat man großes Spektakel mit ambitioniertem Straßentheater geboten, mal versucht, Künstler aus Bürgerkriegsländern einen Bogen zu Kleist schlagen zu lassen. Man hat die Universität ins Boot geholt - und später wieder ausgesetzt, hat Nachwuchswissenschaftler eingeladen, über das Kleist'sche Werk zu grübeln, und dann wieder einen Altfrankfurter Markt inszeniert, damit das Fest nicht allzu hochgeistig gerät. Immer wieder waren große Schauspieler und Regisseure zu Gast - und immer wieder durften die Frankfurter auch selbst auf der Bühne stehen. Mitmachtheater, um ihnen die Scheu vor dem nicht ganz einfachen Sohn der Stadt zu nehmen.

Einer wie Kleist mit seinem von menschlichen Abgründen nur so triefenden Werk eignet sich eben nicht so gut zur Zierde, zur hohen Feier, zur Volksbelustigung. Zu sperrig, zu rasend, zu fordernd - und dann immer diese Todessehnsucht! Publikumsmassen zieht man damit nicht an - was schwer ist für Veranstalter, die sich mehr denn je an Besucherzahlen messen lassen müssen. Nicht zu vergessen die Herausforderung, jedes Jahr aufs Neue ein dramatisches Werk zu betrachten, das aus nur sechs Stücken und einem Fragment besteht.

Nein, leicht ist es nicht mit Kleist. Zumal, als die Festtage vor 26Jahren neu erfunden wurden, noch nicht zu ahnen war, dass sie ein paar Spielzeiten später ohne ausrichtendes Ensemble würden auskommen müssen - ebenso wie der 1996 aus der Taufe gehobene und mit einer Uraufführungsgarantie belegte Kleist-Förderpreis für junge Dramatiker. Dass beides überhaupt noch da ist, bleibt daher wohl die wichtigste Botschaft in einer Stadt, die neben dem Verlust von Einwohnern und Arbeitsplätzen nun wohl auch den der Kreisfreiheit zu beklagen hat. In diesem Sinn: Lasst die Spiele beginnen!

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