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Sieger Ruhlsdorf für Landesausscheid 2018 qualifiziert / Über die Verwendung des Preisgeldes entscheidet die Gemeinschaft

Barnimer Dörfer mit Zukunft

Viola Petersson / 15.11.2017, 07:00 Uhr
Eberswalde (MOZ) Am Abend ermittelte er als Kommissar Fichte im Spreewald, kurz zuvor flimmerte Thorsten Merten im Kreishaus über die Leinwand. Per Trailer - als Botschafter für Ruhlsdorf, wo der Schauspieler in seinem Bungalow Entspannung findet. Ein Dorf mit Zukunft.

Kein Supermarkt, nicht mal ein Konsum, keine Schule, keine Bank, kein Geldautomat. Keine Apotheke und kein Bahnhof direkt im Dorf. Dafür aber ein "Miteinander" im 500-Seelen-Ort, "dörfliche Gemeinschaft", im besten Sinne, sagt Ortsvorsteherin Annett Klingsporn. Das zeichne Ruhlsdorf aus, mache den Ortsteil von Marienwerder besonders. Dieser "soziale Kitt", die Beziehungen untereinander - auch zwischen "Alteingesessenen" und "Zugezogenen", zu denen Klingsporn selbst gehört, die seien einmalig und machten das Leben lebenswert.

Und genau das hat offensichtlich auch die Jury des Wettbewerbs "Unser Dorf hat Zukunft" überzeugt. Die kürte Ruhlsdorf beim Kreisausscheid 2017 zum Sieger. Jubel bei den Ruhlsdorfern. Bei Annett Klingsporn, bei Werner Schröer, bei den Mitgliedern der freiwilligen Feuerwehr.

Die Abstände zwischen den Bewerbern seien - trotz ganz unterschiedlicher Strukturen und Charaktere der Dörfer - nicht groß gewesen, bekennt Jurymitglied Holger Lampe. Anhand eines Kriterienkatalogs des Landes hatte die Kommission die Kandidaten bei einem Besuch begutachtet, hat etwa das soziale Engagement bewertet, die Baugestaltung geprüft und wirtschaftliche Initiativen unter die Lupe genommen. Trotzdem habe es am Ende ein "sehr eindeutiges Votum" gegeben.

Ruhlsdorf hatte letztlich in allen Kategorien die Nase vorn gehabt, bestätigt Jessy Radtke-Herrmann vom Strukturentwicklungsamt der Kreisverwaltung Barnim und ebenfalls Mitglied der Jury. Vor Birkholz (Bernau) und Lichterfelde (Gemeinde Schorfheide). Gewonnen aber haben alle, findet Lampe. Der Wettbewerb, der seit etlichen Jahren vom Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft ausgelobt wird, sei gleichsam Beleg dafür, dass das viel zitierte "Aussterben der Dörfer" keine schicksalhafte Entwicklung sei, betont wiederum Landrat Bodo Ihrke. Gerade nach der jüngsten Bundestagswahl sei eine "Debatte über die ländlichen Räume aufgebrochen", für die er sehr dankbar sei. Auch wenn die meisten Menschen in Städten leben (allein in Bernau und Eberswalde wohnen um die 45 Prozent aller Barnimer), so sei doch in den vergangenen Jahren auf den Dörfern viel passiert, sei - trotz infrastruktureller Verluste - eine positive Entwicklung zu verzeichnen. Und zwar vor allem dort, wo diese Entwicklung von den Bürgern angestoßen und getragen wird. Diese Entwicklung, so Ihrke weiter, sei auch eng verbunden mit dem erfolgreichen Agieren der Lokalen Arbeitsgruppe (LAG) Barnim.

Zweifellos hatte Ruhlsdorf im Rennen um den Titel 2017 einen leichten Vorteil. Das Dorf war sozusagen mit Rückwind unterwegs, konnte den Wind und die Energie der 700-Jahrfeier von 2015 nutzen, wie Annett Klingsporn verrät. Das große Dorfjubiläum sei ein wichtiger Entwicklungsimpuls gewesen, wie das Video, das auf der Leinwand im Plenarsaal zu sehen ist, beweist. Aber: "Die Kunst besteht nicht darin, einmal eine 700-Jahrfeier zu veranstalten." Die Kunst bestehe darin, den Enthusiasmus, das Engagement zu verstetigen. "Und da kam der Wettbewerb gerade zur rechten Zeit", so die Ortsvorsteherin. Die Bewerbung habe die Gemeinschaft, die Vereine noch einmal beflügelt. Und wofür wollen die Ruhlsdorfer das Preisgeld von 1500 Euro einsetzen? "Das sollen die Bürger entscheiden", sagt Klingsporn. Gemeinsam eben. Und kreativ.

Neben einer lebendigen Dorfgemeinschaft hat Ruhlsdorf - trotz nicht eben üppiger Infrastruktur - natürlich noch einiges mehr zu bieten: klar, den Ruhlesee mit Wasserskianlage, Kiesabbau, eine Hausbau-Firma, Landwirtschaft, eine Kita, ein Bürgerhaus mit kleinem Museum, einen Landarzt, der zwei Mal die Woche Sprechstunde hat, und ein Baugebiet, das für Zuzug sorgt, wie Werner Schröer sagt. Und sogleich betont: Eine Unterteilung zwischen Alten und Neuen, die gebe es praktisch nicht. "Stimmt", pflichtet Annett Klingsporn bei. Sie kam vor sieben Jahren von Berlin nach Ruhlsdorf. "Das war mein persönlicher Lottogewinn", so die 51-Jährige.

Mit dem Sieg im Barnim hat sich Ruhlsdorf gleichsam für den Landesausscheid 2018 qualifiziert. Und vielleicht heißt dann erneut Thorsten Merten filmisch die Gäste willkommen.

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