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Vollmond ersetzt Beleuchtung

Manfred Lutzens / 12.10.2017, 13:30 Uhr
(BRAWO) 1. September 1862: Das erste Gaswerk in unserer Stadt war pünktlich betriebsbereit. Aber seine Eröffnung in der Schützenstraße auf dem Gelände unweit des Staatsbahnhofs ließ unerwartet dann auf sich warten. Hatte man doch seitens der Stadt den Termin kurzerhand auf den 12. des Monats verschoben. Der Grund kann uns heutzutage nur ein Lächeln abringen: "Weil am 8. September Vollmond sei und infolgedessen in dieser Zeit kein Gasverbrauch herrsche", so dafür die Begründung der verantwortlichen Herren vor mittlerweile 155 Jahren.

Ohnehin war Brandenburg mit der Gasversorgung einige Jahrzehnte später präsent als andere Orte in Deutschland, wo bereits nach 1825/26 selbst kleinere Städte entsprechende Werke errichtet hatten. Mitte des 19. Jahrhundert gab es schließlich auch bei uns erste Pläne, dieses Medium für Beleuchtungszwecke zu erzeugen. Doch lange Zeit gingen die Meinungen darüber auseinander, ob die Kommune die Kosten für den Bau übernehmen solle oder einem Privatunternehmer die Konzession zu erteilen sei. So dauerte es schließlich bis 1860, ehe sich ein Kuratorium für den Bau der Gasanstalt konstituierte. Dem Gremium gehörten die Stadträte Böttcher, Hausmann sowie die abgeordneten Metz, Schöne und Brendel an. Schließlich folgte am 10. Januar 1861 der richtungsweisende Beschluß, demzufolge der Stettiner Gaswerk-Direktor Kornhardt mit dem Ausarbeiten der Entwürfe beauftragt wurde.

Gemeinsam mit Bauleiter von Unruh, einem Regierungsrat a. D., ging es dann zügig daran, das Werk auf einem von der Berlin-Magdeburger-Eisenbahngesellschaft erworbenen Terrain in der Schützenstraße zu errichten. Bis endlich der ominöse 1. September 1862 als Eröffnungstermin feststand...Zunächst waren die Betriebsanlagen auf eine Jahresleistung von 12 000 Kubikmetern bemessen. Nun sorgten zunächst 240 Gaslaternen - wie erwähnt aber erst ab besagten 12.9. anno 1862 - für Licht in weiten Teilen der Stadt (mehr dazu demnächst in BRAWO!). Bis 1887 reichte das ursprüngliche Volumen der Anlagen aus. Danach mußten diese wiederholt, u. a. auch baulich, erweitert werden. Bald nach Beginn des 20. Jahrhunderts stand die Kommune wiederum vor der Frage, wie die Leistungsfähigkeit nochmals erhöht werden könne. Da aber das Gundstück in der Bahnhofsvorstadt u. a. durch den jüdischen Friedhof begrenzt war, orientierte sich die Stadtverwaltung auf ein Areal an der Unterhavel in der Neuendorfer Straße. Das eignete sich bestens für die Kohlezufuhr per Frachtkahn; zudem ermöglichte es einen Bahnanschluß.

Mit Weitsicht bezüglich einer starken Entwicklung von Industrie und Stadtbevölkerung projektierten damals die Experten das Gaswerk für eine Tagesleistung von immerhin 30 ooo Kubikmetern. Dann war es soweit: Im Jahr 1908 begann die Produktion. Fortan diente die alte Betriebsstätte in der Schützenstraße lediglich noch als Reserve, brauchte aber bis zu seinem späteren Abbruch nur selten zugeschaltet zu werden. Aber auch das neue Werk in der Neuendorfer Straße erforderte trotz aller großzügigen Planungen wiederholt Erweiterungs- und Ausbaumaßnahmen. Ab 1925/26 sorgten beispielsweise zwei Großraum-Kammeröfen für die notwendigen Gasmengen. Der Konkurenz seitens des 1901 in der Bauhofstraße eingeweihten Elektrizitätserkes wurde durch technische Entwicklungen geeigneter Glühkörper lange Zeit erfolgreich begegnet.

So war das Gaslicht neben dem Strom in unserem Brandenburg noch für viele Jahrzehnte nicht wegzudenken. Besonderen Auftrieb gab es, als das Gas zunehmend zum Kochen in den Haushalten verwendet wurde. Ein weiteres bedeutendes Absatzgebiet erschloß sich Mitte der 20er Jahre mit dem Versorgen hiesiger Industriebetriebe, die dieses Medium für technische Zwecke - wie beispielsweise Löten, Härten, in Trockenöfen und anderen Feuerstätten - einsetzten. Schließlich kam zu jener Zeit auch die Fernbelieferung hinzu. "Dieser Überzeugung folgend, hat das hiesige Gaswerrk mit dem Magistrat der Stadt Plaue und der Reichseisenbahn-Verwaltung Verträge abgeschlossen, nach welchen die Gasversorgung für Plaue und das Werk Brandenburg West mit beiden Wohnkolonien übernommen wird", hieß es dazu 1925/26. Eigens dazu erfolgte umgehend das Verlegen von Hochdruckleitungen.

Alles andere als mit Hochdruck konnte das Werk in der Neuendorfer Vorstadt während der beiden Weltkriege sowie in den unmittelbar darauffolgenden Jahren arbeiten (Kohlemangel, Kontigentierung). So gab es immer wieder Sperrzeiten, in denen die Abnahme von Stadtgas unmöglich gemacht wurde. Das betraf vor allem auch die Haushalte. Hinzu kam eine schlechte Qualität des Mediums, bedingt durch den Einsatz minderwertiger Brennstoffe bei der Produktion. Zu DDR-Zeiten verursachten außerdem unzureichende Kohlemengen wie auch Transportprobleme oftmals Schwierigkeiten. Zugleich konnten von dem beim Produktionsprozess neben anderen Stoffen anfallenden, viel gefragten Koks nie genügend bereitgestellt bzw. etwa frei verkäuflich erworben werden.

Eine neue Etappe begann mit dem Ferngas-Verbundnetz. So wurde das mittlerweile dann völlig veraltete, beträchtlich die Umwelt belastende Werk in der Neuendorfer Vorstadt im Jahr 1968 für immer geschlossen. Von dieser danach bald demontierten Produktionsstätte kündet schon lange nichts mehr; andere Firmen haben sich indessen am Havelufer angesiedelt. Allerdings stehen auf der gegenüberliegenden Seite der heutigen Caasmannstraße, wo einst zwei Gasometer das Bild besonders prägten, noch mehrere Klinkerbauten unterschiedlicher Größe. Dort waren beispielsweise die Druckreglerstationen sowie etliche Schaltanlagen, u. a. für die Gaslaternen, installiert. Heute nutzt neben anderen der Baubetriebshof der Stadt die verbliebenen hallenartigen Gebäude.

Für eine kontinuierliche Grundversorgung mit Erdgas über die Ferntrasse und ihre spezifischen Anlagen zeichnen für die meisten Haushalte und Gewerbebetriebe in Brandenburg an der Havel sowie vier seiner Ortsteile die Städtischen Werke verantwortlich.

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