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"Wie kämpfen gegen Windmühlenflügel"

Nicht nur Gery Koch kümmert sich um gestrandete Tiere. Auf dem Tiergnadenhof finden sie ein Zuhause.
Nicht nur Gery Koch kümmert sich um gestrandete Tiere. Auf dem Tiergnadenhof finden sie ein Zuhause. © Foto: Passow
Silvia Passow / 22.07.2017, 12:00 Uhr
Nauen (MOZ) Das Lebenswerk von Daniela Arendt und Gery Koch liegt mitten in Nauen. Auf dem ehemaligen Lagergelände eines großen Lebensmittelhändlers haben die Beiden einen Gnadenhof für Tiere geschaffen. "Geplant war das nicht", wie Koch bei einem Besuch auf dem Gelände erzählt. Gekauft hatte er das riesige Grundstück in der Absicht Einfamilienhäuser zu bauen. Immerhin, ein paar davon stehen tatsächlich. Doch als er für weitere Erschließungsmaßnahmen alte Bäume fällen wollte bekam er es mit seiner Partnerin, Daniela Arendt, zu tun. Genau genommen mit ihr und einem Radlader. Angesicht der aufgefahrenen Geschütze ließ er von seiner Absicht ab. Das ist schon lange her. Die Bäume stehen immer noch.

Daniela Arendt, nach eigenen Angaben Naturliebhaberin von Kindesbeinen an, ging es bei ihrer Aktion nicht nur um die Bäume. Die darin nistenden Vögel sollten ihre Brutstätten nicht verlieren. Die Igel ihr zu Hause nicht, die Eulen, welche im Gebälk der alten Lagerhallen leben, auch nicht. Ja, sie stehen noch immer, mit Solarmodulen aufgepeppt. Sie haben überlebt wie die Bäume. Überleben, dass ist es auch, worum es hier geht.

Aus dem einstigen Bauvorhaben wurde der Tierlebenshof Nauen. Tiere die keiner mehr will, manche misshandelt, andere ausgesetzt, vor dem Abdecker gerettet, vom Zirkus freigekauft. Die Liste der Schicksale ist lang und keine leichte Kost. Arendt und Koch kennen viele dieser Geschichten vom Elend der Tiere. Da wurden einem Hund, der zu viel bellte, die Stimmbänder entfernt, einem anderen, mal eben die Ohren abgeschnitten. Katzen denen man die Hüften ausgekugelt hat oder auf deren Körpern Zigaretten ausgedrückt wurden. "Viele der Tiere haben wir unterernährt und im kläglichen Zustand aufgenommen", erzählt Koch. Oder sie landen hier, weil sie einfach alt sind. Die Weihnachtsgänse dagegen hat Koch selbst, vor dem Schicksal als Braten zu enden, bereits beim Züchter bewahrt. Der wollte ihm die Ware noch rasch zubereiten. Koch konnte das gerade noch verhindern.

So manches der Tiere haben die Beiden selbst gerettet, andere wurden gebracht. Sie kommen nicht nur aus Nauen, auch anderen Teilen Brandenburgs, oft von noch weiter. Die Polizei bringt Tiere, verwahrlost, verletzt, vernachlässigt. Koch und Arendt päppeln sie auch. Sauber halten, füttern, streicheln, spielen, spazieren gehen. Seit 2005 geht das so. Kein Urlaub seitdem, kein freies Wochenende. Die Tiere bestimmen den Tagesablauf.

Der beginnt meist um 6Uhr in der Frühe und endet irgendwann gegen Mitternacht. Zur Zeit werden 2Schweine, 1Ziege, 5Ponys, 1Pferd, etwa 15Hunde, so um die 60Katzen, Enten, Hühner, Kaninchen, Meerschweinchen und Gänse versorgt. Dazu kommen abgegeben Wildtiere wie Karl der Eichelhäher oder Helmut. Helmut der Jungfalke wurde als Küken abgegeben und wird gerade von Hand aufgezogen. Die Auswilderung in die Freiheit ist hier das Ziel. Anders bei den Nutz,-und Haustieren. "Die sind meistens zu alt. Die will keiner mehr", erklärt Koch. Und viele weisen Folgeschäden durch die Verletzungen, welche sie erlitten haben auf. Zum Beispiel Tyson. Dem Hund wurde so hart auf den Kopf geschlagen, dass sich Splitter vom Schädelknochen in das Gehirn drücken. In der Folge leidet der Hund unter epileptischen Anfällen. Wieder andere sind grundsätzlich sehr misstrauisch gegenüber den Menschen und reagieren entsprechend ablehnend. Nicht zuletzt auf Grund ihrer eigenen Erfahrungen wollen Arendt und Koch die Tiere nicht wegegeben. Die Sorge ist groß, den Tieren könnte das nächste traurige Kapitel ihres Lebens bevorstehen. Ihren Tierlebenshof verstehen sie ohnehin nicht als Durchgangsstation. Er soll Heimat und Sicherheit sein. Zuflucht und ein endgültiges zu Hause.

Arendt und Koch wollen den Tieren einen guten Lebensabend geben. Sie kochen selbst für die Tiere, überwiegend in Bioqualität. Sie belassen die umliegenden Wiesen als Nahrungsquelle für Insekten und Vögel. Was angepflanzt wird, wurde von anderen Leuten ebenfalls entsorgt, landet hier in Blumenschalen und Töpfen. Und immer wieder werden neue Tiere gebracht. Dabei haben die Beiden einen Aufnahmestopp. Das Gelände muss dringend erweitert, Gehege gebaut, Anlagen erneuert werden. Dazu kommen finanzielle Nöte.

Damals, noch vor der Geburt des Gnadenhofs, war Koch das, was man wohl vermögend nennt. Inzwischen aber werden die finanziellen Möglichkeiten eng. Der Hauptsponsor ist im letzten Jahr verstorben. Rechnungen können nicht mehr bezahlt werden und stapeln sich. "Am Futter für die Tiere sparen wir ganz sicher nicht", stellt Arendt dann auch gleich klar. Das darf man ihr getrost glauben. Bis auf die vom Alter ausgezerrten Tiere wirkt hier nun wirklich kein Vierbeiner zu dünn. Eher das Gegenteil ist der Fall.

Dazu kommt: Arendt und Koch stemmen hier alles allein. Sie wissen um die Dringlichkeit der notwendigen Arbeiten und kommen doch nicht hinterher. "Wir kämpfen gegen Windmühlenflügel", fasst Koch die Situation treffend zusammen. "Es kommen immer mehr Tiere zu uns." Wie zur Bestätigung klingelt gleich wieder sein Telefon. Ein Mann will ein Pferd abgeben. Er ruft aus Cloppenburg an. Koch lehnt ab. Später wird Arendt ihn fragen, du weißt was das für das Pferd heißt? Koch nickt. Weiß er.

Wir drehen eine Runde mit Abi. Der alte Rüde wedelt erfreut mit dem Schwanz, läuft, fällt hin, rappelt sich auf, läuft weiter, fällt wieder. Das geht ein paar Mal so, dann ist er im Tritt. Beinahe wie ein alter Mensch, der beim morgendlichen Aufstehen auch so seine Schwierigkeiten hat. Aufmerksam folgt er uns, bleiben wir stehen, fordert er umgehend Streicheleinheiten ein. Neugieriges Hundegesicht, knochiger Körper. Der Blick der braunen Kulleraugen, naja, Hundeblick eben.Koch kommt der stummen Aufforderung nach, streichelt den betagten Rüden. Ein eigentlich ganz normaler Hund, nur in die Jahre gekommen.

Weitere Informationen: Tnbbev.de oder per Mail post@tnbbev.de oder telefonisch unter 03321/8142884.

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