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Zwischen den Lehrern Conny Bruckmann und Reiner Gotsch liegen 40 Jahre - ein Besuch in Lichterfelde und Groß Schönebeck

Zwei Generationen an der Schultafel

Marco Marschall / 21.10.2015, 03:45 Uhr
Lichterfelde/Groß Schönebeck (MOZ) Die eine ist gerade in den Beruf gestartet, der andere eigentlich schon längst im Ruhestand. Conny Bruckmann und Reiner Gotsch unterrichten beide in der Gemeinde Schorfheide und beobachten trotz des Altersunterschieds ähnliche Besonderheiten im Schulalltag.

Im Prinzip sei es traurig, dass ein 71-Jähriger noch einspringen muss, sagt Reiner Gotsch über sein Gastspiel an der Grundschule Groß Schönebeck. Von Januar bis zu den Sommerferien hatte der Lehrer für Biologie, Sport, Mathematik und Physik schon einmal ausgeholfen und wurde mit großem Dank verabschiedet. Dass er zum laufenden Schuljahr noch einmal zur Hilfe gerufen wird, hätte er damals nicht gedacht. Diesmal ist der Templiner sogar ein ganzes Schuljahr im Ort tätig. "Danach ist aber Schluss", sagt Gotsch, dessen Frau ebenfalls Lehrerin an der Einrichtung ist. Durch sie kannte er viele Schüler schon, war auf Klassenfahrten dabei und hat deshalb einen guten Draht zu ihnen.

Während aufgrund des Lehrermangels in Groß Schönebeck die Pauker aus dem Ruhestand geholt werden, freut sich die Draußenschule in Lichterfelde über junge Verstärkung. Seit Juni unterrichtet dort die 30-jährige Conny Bruckmann. Trotzdem würden an der Schule zwei volle Lehrerstellen fehlen, sagt sie. Die Freude an der Arbeit schmälert das nicht. "Es macht mir jeden Tag wieder Spaß herzukommen", sagt die Mutter einer einjährigen Tochter, die vor ihrem Lehramtsstudium in Kassel zuerst Polizistin und anschließend Sport- und Fitnesskauffrau werden wollte. Nun scheint die Finowerin ihre Berufung gefunden zu haben.

Von einer solchen spricht auch ihr 40 Jahre älterer Kollege aus Groß Schönebeck. Man sollte nicht Lehrer werden, weil es einem vielleicht lukrativ erscheint, sondern aus Überzeugung", sagt Reiner Gotsch. Er selbst habe als Sportlehrer früher seine Schützlinge bei den Spartakiaden so lautstark angefeuert, dass er am nächsten Tag keine Stimme mehr hatte. Dieser Enthusiasmus fehle ihm bei den jungen Kollegen manchmal.

Aus Sicht des erfahrenen Lehrers habe sich aber viel verändert. Der Druck von außen auf die Berufsgruppe sei gewachsen. "Bis zur Wende waren Lehrer noch Respektpersonen. Heute sind sie die Prügelknaben der Nation", sagt Reiner Gotsch und verweist auf den neuen Einfluss der Eltern. Früher wären diese nicht auf die Idee gekommen, Zensuren einzuklagen. Heute seien immer die Lehrer schuld.

Conny Bruckmann kennt das von ihrem Referendariat an der Schule in Finowfurt. Dort hätten Eltern auch mit ihr über Zensuren ihrer Kinder diskutiert. "Gerade als junge Lehrerin kommen dann die Vorurteile", sagt sie. Die komme erst frisch vom Studium, heiße es dann. Da helfe nur, sich von vornherein Respekt zu verschaffen. "Natürlich ordentlich verpackt", sagt sie, die es nicht nur bei Negativbeispielen belassen will. "Viele Eltern sind heute sehr engagiert und unterstützen die Schule viel".

Die Erfahrungen, die die Lehrerin für Mathematik, Deutsch und Sachkunde gesammelt hat, kann sie nur mit der eigenen Schulzeit vergleichen. "Es gibt heute viele Schüler mit Auffälligkeiten", sagt sie und vermutet nicht intakte Familienverhältnisse dahinter. Getrennt lebende Eltern gebe es ihrem Empfinden nach heute mehr.

Um ihre Klasse im Griff zu behalten, arbeitet Conny Bruckmann mit kleinen Tricks. Zu ihren Arbeitsutensilien gehört eine Tischklingel, wie man sie von der Hotelrezeption kennt. Die wird dann betätigt, wenn Schüler den Unterricht stören. Außerdem hat sie sich ein System mit Smilies ausgedacht, die entweder lachen oder die Mundwinkel herunterziehen. Das Punktesystem funktioniere gut.

Reiner Gotsch drückt seine Kritik am Schüler von heute etwas drastischer aus. "Wenn ich den Beruf heute noch jemandem empfehlen sollte, dann nur an einer Grundschule oder an einem Gymnasium", sagt er. Oberschulen schließt er für sich aus. Was sich Lehrer von Schülern anhören müssten, gehe auf keine Kuhhaut. Teilweise gelte das schon für die Grundschule. An der Egelpfuhlschule in Templin habe Gotsch wegen der Disziplinlosigkeit der Schüler nach einem dreimonatigen Einsatz das Handtuch geschmissen, berichtet er.

Die meiste Zeit seines Berufslebens hat Reiner Gotsch an der Grundschule in Milmersdorf bei Templin verbracht. 25 Jahre hatte er dort unterrichtet. Die Schule in Marienwerder gehört zu seinen späteren Stationen.

In Groß Schönebeck gehört wie überall in Deutschland nun die Integration von Flüchtlingskindern zur neuen Herausforderung für das Personal. Doch genau das fehlt. "Die Sprachbarriere ist groß", sagt Gotsch, aus dessen Sicht es günstiger wäre, die neuen Schüler aus anderen Ländern würden zunächst intensiv mit Deutschunterricht einsteigen. Derzeit würden sie während des Unterrichts eher ihre Zeit absitzen als etwas zu lernen. Die Zeit, individuell auf sie einzugehen, fehlt.

Flüchtlingskinder betreut Conny Bruckmann in ihrer Klasse noch nicht. Individuelle Betreuung ist für sie dennoch Thema. In der ersten Woche der Oktoberferien widmet sie sich sogenannten Lernstartanalysen für jeden ihrer Schüler.

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