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Kreisgrenzregion: Bruchwald voller Erlen

Wernitzdamm, in Stein gemeißelt am gleichnamigen Weg.
Wernitzdamm, in Stein gemeißelt am gleichnamigen Weg. © Foto: Mai
Rene Wernitz / 19.03.2017, 08:00 Uhr
Havelland (MOZ) "Die Belastung mit Erlenpollen ist heute stark!" Dieser Tage hört und liest man das häufig in Wetterberichten. Gegenden, die Allergiker, die auf Erlenpollen anspringen, nun unbedingt meiden sollten, sind solche, wo viele Erlen stehen. Das ist im Grenzbereich zwischen dem Havelland und Potsdam-Mittelmark der Fall. Gemeint ist die Pritzerber Laake, die sich östlich von Premnitz und im Zentrum eines Landstrichs befindet, der extrem dünn besiedelt ist.

Seit alters her zog es kaum Menschen dort hin, sondern nur hindurch. Von Nordwest nach Südost verlief beispielsweise jene Heerstraße, die Alt- und Neustadt Brandenburg mit Rathenow verband. Zudem gibt es zahlreiche Verbindungen zwischen westlich und südlich gelegenen Orten wie Premnitz, Döberitz, Gapel und Pritzerbe und östlich und nördlich gelegenen Orten wie Bamme, Gräningen, Mützlitz und Marzahne. Die Zivilisation machte im wahrsten Sinne einen Bogen um diese Landschaft. Dörfer befinden sich rings um sie. Auf Landkarten, die Friedrich Wilhelm Carl von Schmettau in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts anfertigte, sind Spolierenberg und Adermannshütte (heute Königshütte) bei Rathenow und Seelensdorf bei Pritzerbe die einzigen Siedlungen, allerdings in Randbereichen. Dazwischen sieht man jede Menge Wege und reichlich Grün. Kaum anzunehmen, dass es früher schon so viele Menschen gab, die allergisch auf Erlenpollen reagierten wie heute und deshalb diesen Landstrich nicht besiedeln wollten. Auch liegt es wohl kaum am einst eher negativ besetzten Image des Laubbaums. "Der Erle hat einen festen Platz in Sage und Legende der verschiedensten Landschaften", wie es in einem Beitrag auf www.lwf.bayern.de, der Internetseite der Bayerischen Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft, heißt. "Wegen ihres Vorkommens an verrufenen und unheimlichen Orten, Erlenbrüchen, Sumpfen und Mooren, aber auch wegen des rot-färbenden Holzes, werden ihr viele negative Wirkungen zugeschrieben." Es geht im Beitrag auch um Volksglauben, mutmaßliche Hexerei, Gegenzauberei, Orakel und natürlich um den Erlkönig.

Im Westhavelland dürfte es eher an unwirtlichen Zuständen gelegen haben, dass die Menschen das große Erlenbruch nicht besiedelten. Es war und ist dort sehr nass. Genau das lieben aber Erlen.

Über die als Naturschutzgebiet (NSG) geführte Pritzerber Laake heißt es auf www.westhavelland-naturpark.de: "Bereits 1972 wurde ein Teil des größten geschlossenen Erlenbruchwaldkomplexes im westlichen Brandenburg, mit eingestreuten Feuchtgrünländereien und Kleingewässern, unter Schutz gestellt. Das Gebiet zeichnet sich durch ein großes Artenspektrum und durch eine große Palette an intakten Lebensräumen aus. Nicht zuletzt durch die Unzugänglichkeit der Laake bedingt, konnte sich eine wenig vom Menschen beeinflusste Landschaft mit vom Aussterben bedrohten Pflanzen- und Tierarten erhalten."

Ein Mountainbiker resümierte Ende 2011 im Forum auf www.mtb-news.de über eine Tour durch das NSG: "Es war feucht und flach, aber keineswegs langweilig. Allerdings war es die erste Tour, bei der mir innerhalb von sechs Stunden nicht ein einziger Mensch begegnet ist."

Dieser Radtourist war laut eigenen Angaben von Gapel aus ins Naturschutzgebiet gefahren. Auf rund 20 Fotos dokumentierte er das Gesehene. Eigentlich wollte er fixen Reifens nach Norden, um noch auf den Gollenberg in Stölln zu gelangen. Doch habe ihn der Wald erst am Abend wieder entlassen. So schnell wie erhofft, kam der Radler offenbar nicht voran: "Irgendwann fand ich dann den Wernitzdamm, auf dem man das NSG halbwegs trockenen Fußes/Reifens durchqueren kann", schrieb er unter ein Foto, das auch einen neben dem Weg liegenden Findling zeigt, auf den "Wernitzdamm" gemeißelt ist. Die Aufschrift geht auf eine Initiative der Pritzerber Jagdgenossenschaft zurück, die Findlinge streute, auf denen alte Flurnamen stehen. So sollen sie nicht in Vergessenheit geraten.

Dank Geschichtsschreiber Engelbert Wusterwitz (um 1385-1433) haben wir noch heute die Kunde von einem ausgefochtenen Gefecht zwischen Raubrittern aus dem Magdeburgischen und westhavelländischen Verteidigern. 1402 soll sich das im Wernitzwald zugetragen haben. Womöglich kam es am Wernitzdamm, der ein kurzes Stück der Heerstraße bildet, zum Aufeinandertreffen der feindlichen Truppen. Die Märker siegten übrigens. Heinrich von Stechow gehörte zu den Verteidigern und ließ sein Leben dort.

Der Premnitzer Geschichtsfreund Jürgen Mai fand die Bezeichnung Wernitzdamm auf einer Reichskarte. Er befindet sich unmittelbar auf der Grenze zwischen den Gemarkungen Bamme und Pritzerbe, heute zuzusagen auf der Kreisgrenze zwischen dem Havelland und Potsdam-Mittelmark. Legt man über Mais Kartenausschnitt den aus der entsprechenden Schmettaukarte, zu finden auf www.bb-viewer.geobasis-bb.de, lässt sich der Wernitzdamm lokalisieren. Was er vor rund 250 Jahren und in der Zeit davor an der Stelle querte, ist nicht ersichtlich.

Nördlich, unmittelbar hinter dem Damm, splittet sich der Weg auf. Es geht von dort nach Gräningen, Bamme sowie Spolierenberg und Rathenow. Südlich des Damms geht es nach Gapel und Mützlitz sowie nach Pritzerbe, Marzahne, Seelensdorf und weiter nach Brandenburg an der Havel. Der Wernitzdamm war früher sozusagen das Bindeglied zwischen Dörfern, Städten und Regionen. Woher der Name Wernitz stammt, wird noch diskutiert.

Namensforscher Gerhard Schlimpert (1930-1991) ging auf Wernitz in "Beiträge zur Entstehung und Entwicklung der Stadt Brandenburg im Mittelalter" ein, von der Historischen Kommission zu Berlin im Jahr 1993 veröffentlicht. In seinem Beitrag erklärt der Experte, dass der Name bereits für das Jahr 1207/17 als Silvam Wernitz belegt sei. Silvam ist Latein, 4. Fall und hat mehrere Bedeutungen. Auf http://de.pons.com werden als Übersetzungsmöglichkeiten für das nicht deklinierte Silva unter anderem Wald, Waldung, Forst, Gehölz, Baum, Bäume, Strauch, Sträucher und Gestrüpp angeboten.

Indes gab es in der Vergangenheit ein paar Versuche, Wernitz aus dem Slawischen her zu erklären. Denn Varna sollen die hiesigen Slawen vor weit mehr als tausend Jahren gesagt haben, wenn sie Krähe meinten. Die sorbische Entsprechung lautet heute Wróna, die tschechische Vrána. Namensforscher Schlimpert meinte, dass Wernitz auch aus vorslawischer, sprich germanischer Zeit stammen könnte.

Wer sich mittels Internet auf die Suche nach dem möglichen Ursprung des Namens bzw. Begriffs Wernitz macht, landet eventuell auf der Website www.wortbedeutung.info und dadurch im Südosten des europäischen Kontinents. Denn in Südfrankreich (okzitanisch) wird Erle mit Vèrn bzw. Vèrnhe übersetzt und im nordspanischen Katalonien mit Vern.

Da völlig unklar ist, wie das eine mit dem anderen zusammen hängen könnte, hat wohl noch niemand Silvam Wernitz mit Erlenwald übersetzt.

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