Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de
Logo Brandenburger Wochenblatt
Unser Gewinnspiel zu Weihnachten - Heute 100€ gewinnen

1947: Erinnerungen an schweren Neuanfang

Hans-Jürgen Wodtke / 24.11.2017, 13:45 Uhr
Böhne/Havelland (BRAWO) Bei den Gemeindewahlen 1946 erhielt die noch junge SED in vielen Landkreisen der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) über drei Viertel der Stimmen. Ein wichtiger Faktor für die hohe Sympathie war die Verteilung des zuvor per Bodenreform enteigneten Ackerlands der Gutsbesitzer und Großbauern an Flüchtlinge und Vertriebene sowie landlose und landarme Bauern in Ostdeutschland. Jedoch sollte die beachtliche Popularität der SED im Laufe des ersten Halbjahrs 1947 stark zusammenschmelzen. Die Ursachen hierfür waren vielfältig und hatten auch mit der immer rigideren Politik führender Genossen zu tun. Diese forderten von den Bauern unnachgiebig und mit nur allzu oft ungerechtfertigter Härte die Erfüllung des von ihnen verordneten Abgabesolls um jeden Preis. Dabei waren die Voraussetzungen für die Erfüllung des vorgegeben Solls an Nahrungsmitteln zwei Jahre nach Ende des Krieges in der SBZ für die Bauern immer noch denkbar schlecht.

Denn neben unzureichendem Saatgut fehlte es überall an Zucht- und Zugtieren wie auch an den wichtigsten landwirtschaftlichen Geräten. Zudem gab es einen riesigen Mangel an geeigneten Wohn- und Stallgebäuden für die rund 500.000 neu geschaffenen Neubauernhöfe. In der Summe verhinderten diese Mängel und Defizite den zügigen Aufbau einer dringend benötigten leistungsfähigen Landwirtschaft und brachten zudem nicht wenige Landwirtschaftsbetriebe in eine gefährliche wirtschaftliche Schieflage und in persönliche Not der Bauern und ihrer Familien.

Die wachsenden Missstände in der Landwirtschaft nahmen schließlich auch die Offiziere der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) mit Sorge zur Kenntnis. Stand doch mit einer unzureichend funktionierenden Landwirtschaft nicht nur die ausreichende Lebensmittelversorgung der ostdeutschen Bevölkerung in Frage, sondern das betraf auch ganz massiv die eigenen Interessen. Da ging es nicht nur um die Versorgung der sowjetischen Streitkräfte, sondern auch um Lebensmittellieferungen in die Westzonen. Hierzu hatten sich die Sowjets im Rahmen des Potsdamer Abkommens als Gegenleistung gegenüber den Westalliierten für die Zusage der uneingeschränkten Demontage der ostdeutschen Industriebetriebe und -anlagen verpflichtet.

Um die angespannte Lage zu wenden, erließ Marschall W. D. Sokolowsky am 9. September 1947 den SMAD-Befehl 209. Danach sollten in den folgenden zwei Jahren 37.000 Neubauernhöfe in der SBZ gebaut werden. Wenn das auch für die Zeit ein gewaltiger Kraftakt war, so entsprach die befohlene Zahl an Höfen nicht einmal einem Drittel des tatsächlichen Bedarfs. Jedoch für eine noch größere Anzahl an Wohn- und Stallgebäuden reichte das ohnehin viel zu geringe Angebot an Baustoffen damals nicht aus. Deshalb wurden mit dem Befehl 209 die örtlichen Stellen angewiesen, Gutsgebäude und Herrenhäuser, so weit als möglich, zur zusätzlichen Baustoffgewinnung abzureißen. Damit sollten zugleich, laut einem Rundschreiben des SED-Zentralsekretariats vom 31. März 1948, die Spuren der Junkerschaft auf dem Dorfe für immer getilgt werden.

Doch die Gutshöfe waren mit Flüchtlingen belegt oder wurden bereits von Neubauern genutzt. In anderen Herrenhäusern waren Heime oder Schulen untergebracht, so dass ein Abriss der herrschaftlichen Gebäude wider jede Vernunft war. Darum versuchten die örtlichen Instanzen, oft mit unglaublichem Geschick, diesen Befehl zu unterlaufen. Was ihnen zum Glück bei zahlreichen historisch wertvollen Wohngebäuden, aber nicht immer bei Stall- und Wirtschaftsgebäuden gelang. Das waren Entscheidungen, die oftmals schmerzten, aber für die geforderten "Erfolgsmeldungen" nach "oben" unumgänglich erschienen.

Allerdings konnten nicht alle Herrenhäuser vor der Spitzhacke gerettet werden. In unserer Region betraf es die Schlösser in Ferchesar, Kotzen und Briesen bei Friesack im Westhavelland sowie Zollchow im damaligen Kreis Jerichow II, die zumindest zum Teil, die meisten aber vollkommen abgerissen wurden. Dabei war der Gewinn an verwertbaren Baustoffen mitunter sehr gering, wie aus Kotzen bekannt ist.

Der Abriss dieses imposanten Baus von 1787 gilt als besonders tragisches Beispiel für die bedingungslose und sinnlose Umsetzung des SMAD-Befehls. Schließlich konnten damals aus dem Abriss kaum nennenswerte Mengen an nutzbaren Baustoffen gewonnen werden, da das Bauwerk größtenteils als Lehmfachwerk ausgeführt war.

Auch im Haveldorf Böhne hatten die örtlichen Behörden große Mühe, sich erfolgreich gegen den von Landrat Paul Albrecht mit Nachdruck geforderten Abriss des etwa 150 Jahre zuvor errichteten Herrenhauses der von Kluge zu stemmen. Nach der Freigabe durch die Rote Armee nutzte man die einstige herrschaftliche Wohnunterkunft für die Unterbringung von Flüchtlingen. Etwas später machte man aus einem großen Raum noch ein Klassenzimmer. Diese glückliche Fügung bewahrte die spätbarocke Zweiflügelanlage schließlich vor deren Zerstörung.

Dafür fiel aber ein großes massives Stall- und Wirtschaftsgebäude auf dem örtlichen Gutshof der Spitzhacke zum Opfer. Weiterhin wurde unweit davon, obwohl sich hierfür bislang noch keine verbindlichen Zeitzeugenhinweise finden ließen, der nachträglich angefügte Anbau des "Schwedenhauses" abgetragen. Die durch Abbruch gewonnenen Baustoffe verbaute man im Rahmen des SMAD-Befehls 209 um 1949 in verschiedenen Objekten in Böhne.

Damals war Alfons Stachowiak, der im Juli 1945 mit seiner Familie als Flüchtling in Böhne gelandet war, Maurerlehrling bei der Firma Malinowski aus Neue Schleuse (Rathenow-West). Zu seinen ersten Bauten als Lehrling gehörten einige der sogenannten "209-Bauten" in Böhne. In seinen Erinnerungen beschreibt er diese Zeit als eine sehr schwierige Epoche. Fehlte es doch praktisch an allem, um die dringend benötigten Wohn- und Stallanlagen zu errichten. So war neben der ständigen Improvisation auch ein hoher körperlicher Einsatz der Bauarbeiter erforderlich.

"Wir hatten zu der Zeit keine Karren oder Bauaufzüge", so Stachowiak, "alles wurde über Leitern und einfache Rüstungen bis in die obersten Stockwerke getragen, ob Mörtel oder die Steine. 21 Mauerziegel zu je 7 Pfund (insgesamt etwa 73,5 kg) war da Pflicht. Das war die Aufgabe der Hucker (Handlanger) oder von uns Lehrlingen. Manche Hucker schafften 30 und mehr Ziegelsteine auf ein Mal zu tragen. Eine körperlich sehr schwere und auch nicht ungefährliche Arbeit. "

Der Materialtransport erfolgte mit dem Huckerstuhl (Zicke), einer Metallvorrichtung in L-Form, welcher mit Riemen auf dem Rücken des Baugehilfen befestigt war. Mit dieser Tragekonstruktion konnten neben den Steinen auch der Mörtel in Tubben (kannenartige Gefäße) zum Arbeitsort des Maurers getragen werden.

Die Ziegelsteine wurden zu jener Zeit überwiegend mit aufbereitetem Lehm vermauert. Denn der wenige Kalk, in Form von Brandkalk, stand zur Mörtelherstellung nur in begrenztem Umfang zur Verfügung und wurde für den Wandputz benötigt.

"Doch noch um vieles Schlimmer sah es mit dem für solche Baumaßnahmen dringend benötigten Zement aus. Jedes Bauvorhaben bekam damals offiziell nur einen Sack des begehrten Baustoffs zugeteilt. Das war viel zu wenig, und die Beschaffung von weiterem Zement stellte die Bauherren oft vor große, zumeist illegale Herausforderungen", so Alfons Stachowiak in seinen Erinnerungen. Trotz der schwierigen Bedingungen in den späten 1940er Jahren gelang es, wenn auch mit recht unterschiedlicher Qualität, viele dringend benötigte Neubauerngebäude zu errichten. So erhielten in Böhne im Rahmen der 209-Maßnahme fünf Neubauernfamilien ein neues Wohngebäude bzw. bekamen in ihnen zugewiesenen Ställen eine Wohnung eingebaut. Zudem wurden drei Ställe für die Viehhaltung neu- oder ausgebaut. Unter den damaligen Rahmenbedingungen war das für den kleinen Ort eine bemerkenswerte Leistung, die maßgeblich dazu beitrug, den durch Flucht und Vertreibung entwurzelten Heimatlosen ein neues Zuhause und damit einen neuen Lebensinhalt zu geben. Nur verständlich, dass stets die Fertigstellung des tragenden Teils der Dachkonstruktion, des Dachstuhls, eines jeden Gebäudes mit einem zünftigen Richtfest freudig gefeiert wurde.

"Das war immer ein großer Tag, dem wir Bauleute stets mit besonderer Freude entgegensahen. Zum einen konnten wir mit Recht Stolz auf unsere erbrachte Leistung sein, und zum anderen erwartete uns ein für die Zeit nicht alltäglicher Umtrunk und zumeist ein aller kargen Versorgungslage trotzendes Festessen", erinnert sich der einstige Maurerlehrling schmunzelnd.

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2017 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG