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Erörterungstermin zum geplanten Bau von zehn Riesen-Windrädern bei Seelow von Protesten begleitet

Gebrannte Kinder wehren sich

Tuten gegen Windradbau: Mehr als 50 Protestierende aus Lindendorf, Vierlinden, Seelow und bis aus dem Schlaubetal und Hoppegarten bei Müncheberg, brachten am Dienstag vor dem Seelower Kreiskulturhaus ihre Meinung laufstark und mit Plakaten zum Ausdruck.
Tuten gegen Windradbau: Mehr als 50 Protestierende aus Lindendorf, Vierlinden, Seelow und bis aus dem Schlaubetal und Hoppegarten bei Müncheberg, brachten am Dienstag vor dem Seelower Kreiskulturhaus ihre Meinung laufstark und mit Plakaten zum Ausdruck. © Foto: MOZ/Ines Weber-Rath
Ines Weber-Rath / 21.06.2017, 07:30 Uhr
Seelow (MOZ) Mit einem Großaufgebot waren die Gegner des weiteren Windradbaus in der Region am Dienstag Vormittag zum Erörterungstermin im Genehmigungsverfahren für den Bau von zehn Windkraftanlagen in Lindendorf und Vierlinden ins Seelower Kreiskulturhaus gekommen. Dort gab es eine hitzige Debatte.

"Ich bin hier für mindestens zwei Leute, die zu der Zeit nicht da sein können", sagt eine ältere Dolgelinerin. Sie steht am Dienstag, kurz vor 10 Uhr, mit einem Transparent in einem Pulk von mehr als 50 Windradgegnern vorm Kreiskulturhaus. Sie kommen aus Dolgelin, Friedersdorf und Diedersdorf, in deren Gemarkungen die Windmüllerei BLU Projekt GmbH die zehn, jeweils 230 Meter hohen Windräder bauen will. Aber auch Windradgegner aus umliegenden Orten, wie Seelow, Carzig, Lietzen, Podelzig, Alt Rosenthal und Neuentempel sind da. Wie weit die Solidarität inzwischen reicht, zeigen Protestierende aus dem Schlaubetal und aus dem Müncheberger Ortsteil Hoppegarten in Seelow.

"Ich habe zwölf schriftliche Vollmachten von Leuten, die zu so einer Zeit arbeiten müssen - vom Brunnenbauer bis zum Arzt", sagt Katrin Stoll-Hellert aus Carzig. Die Vollmachten wird sie später dem Verfahrens- und Versammlungsleiter Dr. Abdulrahman Abbas vom Landesumweltamt (LUA) überreichen.

Jener eröffnet den Erörterungstermin im Kleinen Saal pünktlich um 10 Uhr, während die Protestierenden draußen pfeifen, trommeln und tuten. Nach der Vorstellung der Antragsteller und Behördenvertreter unterbricht Abbas - und geht raus, zu den Demonstranten. Er versichert, dass alle Einwendungen ernst genommen werden, es ein sauberes Verfahren gibt. Ein Teil der Demonstranten fährt daraufhin los. Nur der "harte Kern" der mehr oder weniger direkt Betroffenen geht hoch, in den Saal. Dort nehmen drei Vertreter der Einwender am Tisch gegenüber der Versammlungsleitung Platz: Die Dolgeliner Matthias Nagler und Jens Kranz sowie Katrin Stoll-Hellert. Sie haben Urlaub genommen, um dabei sein zu können.

In den ersten drei Besucher-Reihen hinter ihnen dürfen all jene sitzen, die schriftliche Einwendungen eingereicht haben. Die anderen Gäste müssen weiter hinten Platz nehmen. Bis sich alle Besucher vor der Tür in die Anwesenheitslisten eingetragen haben, vergeht einige Zeit.

Abdulrahman Abbas bittet zu Beginn alle Redner, ihre Namen zu nennen - für die Tonaufzeichnung, mit der Falk Angrik alias DJ Flocki beauftragt ist und auf deren Grundlage das Protokoll geschrieben wird. Andere Bild- und Tonaufzeichnungen untersagt der Versammlungsleiter. Nach der Kurzinformation, worum es geht, erklärt Abbas: Eine Entscheidung haben die Anwesenden an diesem Tag nicht zu erwarten. Die Genehmigungsbehörde, das Landesumweltamt, wird sie nach der Abwägung bekannt geben.

Spannend wird es für die Gäste im Saal erstmals, als der Versammlungsleiter die Stellungnahmen der beteiligten Behörden zum Vorhaben resümiert: Neben dem Amt Seelow-Land, dessen Vertreterin, Amtsdirektorin Roswitha Thiede im Saal sitzt, haben auch die Regionale Planungsgemeinschaft Oderland-Spree und die Gemeinsame Landesplanungsabteilung das Vorhaben abgelehnt.

Doch den meisten im Saal ist klar, warum: Die Windmüllerei will im geplanten Windeignungsgebiet 39 Friedersdorf-West bauen, bevor der neue Teilregionalplan Windenergienutzung bestätigt ist. Er sehe in dem "Vorgriff" dennoch eine Chance auf Erfolg, erklärt Sven Ucke, der Chef der Windmüller BLU keck.

Er hat bei den Dolgelinern jedes Vertrauen verspielt. "Wir sind gebrannte Kinder. Der Herr dort" - Matthias Nagler weist auf Ucke - "hat uns 2003 außerhalb unseres gemeindlichen Bebauungsplanes eine Mühle unmittelbar vor die Nase gesetzt", erklärt Nagler. Roswitha Thiede bestätigt: Einen Tag vorm Inkrafttreten des B-Planes sei Uckes Anlage damals genehmigt worden - keine 500 Meter vom ersten Haus entfernt. Plötzlich steht Matthias Nagler auf, geht auf Sven Ucke zu und stellt einen kleinen Lautsprecher vor ihn. Daraus ertönt ein lautes Rauschen. Das Geräusch hörten seine Familie und er jede Nacht, erklärt der Dolgeliner.

Er berichtet, dass seine Bitten um Schallmessungen vom LUA unbeantwortet blieben und seine eigenen Messergebnisse, die belegten, dass die genehmigte Immission weit überschritten wird, nicht zur Kenntnis genommen wurden. Die anwesenden LUA-Vertreter versichern: Sie werden der Sache nachgehen. Referatsleiter Stephan Böhme entschuldigt sich bei Nagler.

Böhme räumt auch ein, dass die geltende gesetzliche Grundlage, die TA Lärm, den neuen Riesen-Windrädern nicht mehr gerecht wird. Doch "diesen Vorwurf richten Sie bitte an Ihre Abgeordneten", sagt der LUA-Vertreter.

Viele Argumente fliegen an dem Tag bis 18 Uhr noch hin und her. Fest steht am Ende nur: Die Auseinandersetzung ist noch lange nicht vorbei.

Zahlen und Fakten zum Vorhaben


■ Die Windmüllerei BLU Projekt GmbH will in den Gemarkungen Dolgelin, Friedersdorf und Diedersdorf zehn Windkraftanlagen bauen.
■ Es handelt sich um Anlagen vom Typ Enercon E 141 mit einem Rotordurchmesser von 141 Metern, einer Gesamthöhe von 229,5 Metern und Nennleistung von jeweils 4,2 MW. Mit den Landeignern hat die Windmüllerei bereits Vereinbarungen geschlossen.
■ Es gibt 251 schriftliche Einwendungen von Betroffenen gegen das Vorhaben.
■ Sie verweisen vor allem auf die Vorbelastung der Region: Allein im Sichtfeld der B167 zwischen Lebus und Seelow stehen bereits 75 Windräder.
■ Das Landesumweltamt wägt jetzt ab und entscheidet.

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