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Gabriele Rataj 11.07.2017 06:58 Uhr
Red. Strausberg, strausberg-red@moz.de

landkreise/maerkisch-oderland/strausberg/artikel8/dg/0/

Bewegte Historie des Provinzialgutes

Waldsieversdorf (MOZ) Sie sind in der aufschlussreichen Publikation Otfried Schröcks "Spuren in der Landschaft - Beobachtungen am Wegesrand" noch nicht enthalten - jüngste Recherchen des Waldsieversdorfers.

landkreise/maerkisch-oderland/strausberg/artikel8/dg/0/1/1587882/
 

In Aktion: Otfried Schröck mit Foto-Belegmaterial

© Manfred Ahrens

Kürzlich stellte er sie Interessierten vor, unter ihnen auch Angela Gräser-Müller, Tochter der Lebensreformsiedlung-Gründer am Westrand des Roten Luchs Gertrud Gräser und Henry Josef. Die Enkelin des Vaters der Alternativbewegung Gusto Gräser konnte aus ihren ersten Kindheitsjahren in der Siedlung Grünhorst im Roten Luch eigene Schilderungen beitragen. Feldstein-Fundamente belegen heute sicher diesen Standort am Rande der Mülldeponie.

Hoch interessant auch die Liegenschaft am Ostrand des Roten Luchs, die - so Otfried Schröck - 1919 vom Provinzialverband Brandenburg als Zöglingsheim erbaut wurde. Da habe das Anschlussgleis zur nahen Ostbahn (heute RB 26), 1915 mit Hilfe russischer Kriegsgefangener gelegt, schon gelegen. Dort wurden schwer erziehbare Jugendliche in Handwerksberufen und der Landwirtschaft ausgebildet. Die Anstalt verfügte über Werkstätten, Ställe und ausreichende Acker- und Weideflächen, die für die Ausbildung der Zöglinge genutzt werden konnten, fand Schröck heraus.

1930 wurde das Landerziehungsheim aufgelöst und als Wanderarbeitsheim bis 1935 weitergeführt, ergaben seine Forschungen. "Dort mussten sich Arbeitslose, Landstreicher und Obdachlose melden und wurden für eine bestimmte Zeit gegen eine festgelegte Arbeitsleistung kostenlos mit Kost und Logis versorgt." Von 1935 bis 1938 beherbergte das Objekt ein Pflegeheim des Landes Brandenburg. Ab 1938 wurde die Anstalt schließlich als Provinzialgut weitergeführt und widmete sich allein der landwirtschaftlichen Produktion.

Bis 1945 befand sich daselbst neben dem Reichsarbeitsdienst, der zu Meliorationsarbeiten im Luch herangezogen wurde, ein Lager der Volksdeutschen Mittelstelle (VoMi). "Diese Dienststelle unter SS-Führung deportierte nach dem Vormarsch der deutschen Wehrmacht alle deutschstämmigen Bewohner der eroberten Gebiete in Lager in Deutschland und überprüfte sie auf ihre Deutschwürdigkeit, um sie später in den eroberten Gebieten wieder anzusiedeln. Wer in diesen Lagern negativ auffiel, kam ins Arbeitserziehungslager Rotes Luch", berichtet Schröck.

Wer hätte auch gedacht, dass die Liegenschaft in jener Zeit im Zusammenhang mit Kautschukgewinnung für die Reifenproduktion stand. Im Gefolge der Wehrmacht sammelten deutsche Agrarwissenschaftler in der Sowjetunion alles brauchbare wissenschaftliche Potenzial, Zuchtstämme und Sonstiges für die "Ernährungsschlacht". Eine Forschungsgruppe im Roten Luch nutzte jene und wissenschaftliches Personal zur Züchtung des Russischen Löwenzahns (Taraxacum Kok Saghys). Aus dem Latex dieser Pflanze wollte man Kautschuk gewinnen.

"Die Forschungskapazität aus dem Roten Luch wurde 1942 nach Rajsko bei Auschwitz (!) verlegt, weil hier nicht mehr genügend Arbeitskräfte für den aufwendigen Anbau des Löwenzahns zur Verfügung standen", so der Lokalhistoriker. Heute fertige die Firma Continental TRAXAGUM-Reifen aus dem Russischen Löwenzahn.

Es folgten: 1948 Landesaufnahmeheim "Rotes Luch" (ab 1949 "Makarenko") - nach dem 17. Juni 1953 auf Rügen verlegt -, Nachrichtenbataillon 2 der NVA 1956, Nachrichtenbataillon NR-14 "Harro Schulze-Boysen", Übergabe des Regiments an die Bundeswehr (1990-1993) und heute diverse Vermietungen.

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