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Wohnungslose rocken die Stadtkirche

Rythmus in der Stadtkirche.
Rythmus in der Stadtkirche. © Foto: Matthias Henke/MOZ
Matthias Henke / 13.11.2017, 07:50 Uhr
Fürstenberg (GZ) Es wurde richtig laut am Freitagabend in der Fürstenberger Stadtkirche. Heiße Trommelrhythmen und Klassiker der Rockgeschichte erklangen beim Auftritt von "Drum Attack" aus Zootzen und der Wohnungslosen-Band "Büttners Best Choice" aus Hannover.

Maik Bzdziuch, Leiter von "Drum Attack", warnte das Publikum ob der Lautstärke der folgenden Stücke. Beim jährlichen Wasserfest am Schwedtsee ist die Gruppe Stammgast, und so manch ein Fürstenberger hat sich schon von Ihrem Können überzeugt. Doch ein Schlagzeug plus ein Dutzend Trommeln in einem geschlossenen Kirchenraum ist noch mal eine andere Hausnummer. Manch einer machte da vom Angebot Gebrauch, mit Ohrstöpseln sein Gehör zu schützen. Rund 20 Minuten heizte "Drum Attack" dem Publikum ein. Nach einer Umbaupause, in der das Publikum Gelegenheit hatte, sich vor der Kirche zu stärken und in der Winterkirche sich über die Arbeit des Evangelischen Johannesstifts zu informieren, gehörte die Bühne "Büttners Best Choice". Die Band wurde im Mai 2016 aufgrund einer freizeitpädagogischen Initiative des Werkheim Büttnerstraße in Hannover gegründet und ähnlich "Drum Attack" als soziales Projekt angelegt. Die anderthalb Jahre seit Bestehen habe man daher nicht immer in der gleichen Besetzung gespielt, sagte Frontmann Willi Schönamsgruber, der die Formation ehrenamtlich anleitet. Und obwohl man gerne in Kirchen spiele, halte die Akustik solcher Gebäude einige technische Herausforderungen für seine Gruppe parat, so dass alle selbst für den optimalen Klang sorgen müssen. Doch ob hier mal der Bass zu sehr dröhnte oder sich dort der Gesang etwas verschliff - geschenkt. Ihren Enthusiasmus merkte man den Musikern in jedem Augenblick an. Jeder spielte nach seiner Facon. Während Rainer Warmboldt stoisch im Hintergrund die Saiten zupfte, ließ sich Torsten Loll ein ums andere Mal zu ausladenden Soli auf seiner E-Gitarre hinreißen. Frank Wilharm am Schlagzeug sorgte für den richtigen Rhythmus.

Das Johannesstift, das die Gruppe in Zusammenarbeit mit der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in die Wasserstadt geholt hatte, war nicht nur mit den Musikern von "Drum Attack" vertreten, sondern auch mit Mitarbeitern und Nutznießern von Projekten des Stifts aus Gransee und Birkenwerder. Den Jugendlichen, die mutmaßlich eher andere Genres bevorzugen, erklärte Willi Schönamsgruber, was man "damals" so gehört hat. Jede zweite Anmoderation enthielt die Worte "Die Älteren werden es kennen". Doch etwas musikalische Allgemeinbildung vorausgesetzt, musste man keinesfalls fortgeschrittenen Alters sein, um die Stücke identifizieren zu können. Nicht umsonst sind es die Klassiker, auf die die Band setzt und die sie ihrem Repertoire hinzugefügt hat: "Black Magic Woman" von Santana, "Johnny B. Goode" von Chuck Berry und "Ring of Fire" von Johnny Cash zum Beispiel. Und von den Beatles erklangen gleich drei Stücke.

Dass Obdachlose an ihrem Schicksal selbst Schuld seien, sei ein Klischee, sagte Schönamsgruber. Es könne jeden treffen. Manchmal beginne es mit dem Verlust des Jobs, dann gehe die Ehe in die Brüche und das zuvor geordnete Leben sowie die Finanzen geraten aus den Fugen. "Dann hat man plötzlich ein Problem", so Schönamsgruber. "Deswegen habe ich auch so großen Respekt vor den Jungs." Sich nicht unterkriegen zu lassen, sei der erste Schritt auf dem Weg zurück. Mittlerweile schätze man nicht nur die musikalische Arbeit, es seien auch Freundschaften entstanden.

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