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Donnerstag, 27. Juli 2017
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Symbolische Gräber gegen das Flüchtlingselend?

Oberhavel (MZV) Vor ein paar Tagen haben Hunderte von Menschen in Berlin mit einer symbolischen Bestattung den Tod der Tausende von Flüchtlingen angeklagt, die im Mittelmeer ertrinken. Es wurden Gräber in der Nähe des Kanzleramtes ausgehoben und Grabsteine aufgestellt mit Parolen wie „Grenzen töten“ und „EU kills“. Aufgerufen dazu hatte das Künstler-Kollektiv „Zentrum für politische Schönheit“. Auch in Oberhavel und im Nachbarkreis Ostprignitz-Ruppin sind Menschen dem Aufruf gefolgt. Unter anderem in Summt wurde symbolisch ein Flüchtling bestattet. Die Aktion hat kontroverse Reaktionen ausgelöst. Auch wir denken, dass  der symbolische Akt diskussionswürdig ist.



PRO

Hilferuf für die Hilflosen
Jürgen Liebezeit

Wer schockiert, bekommt große Aufmerksamkeit.   Das funktioniert nicht nur in der Werbebranche, sondern auch im richtigen Leben. Genau das ist das Ziel der anonymen Gräber, von denen auch zwei in Oberhavel angelegt worden sind. Wenn Hunderte Menschen, die vor Krieg, Hunger und auch Armut aus ihrer Heimat fliehen, Tausende Kilometer vom idyllischen Oberhavel entfernt im Mittelmeer ertrinken, ist das  den Abendnachrichten einen kurzen Beitrag wert. Das Schicksal der Flüchtlinge wird bedauernd zur Kenntnis genommen – mehr aber meistens nicht. Die anonymen Gräber transportieren jetzt das Elend und die Verzweiflung der Flüchtlinge direkt vor die Türen der properen Einfamilienhäuser in den Wohlstandsländern. Das ist nicht pietätlos, sondern ein Hilferuf für die Menschen, die keine Lobby in Europa haben. Jetzt sind alle gefragt, den Flüchtlingen, die zu uns kommen, die Hand zu reichen.

KONTRA

Falsches Zeichen
Volkmar Ernst

Es gibt viele Möglichkeiten, seinen Protest zum Flüchtlingsdrama im Mittelmeer zum Ausdruck zu bringen. Ein symbolisches Grab am Straßenrand oder vor einer öffentlichen Verwaltung anzulegen, gehört auf keinen Fall dazu. Ein Grab gehört auf den Friedhof. Das ist der Ort, an dem getrauert werden kann. Wer und vor allem was soll mit den Symbolgräbern erreicht werden? Es mag ein Aufschrei sein. Es ist allerdings einer, der abschreckt. Denn niemand lässt sich gern für etwas verantwortlich machen, das er nicht ändern kann. Genau das passiert hier. Es ist der Fingerzeig auf diejenigen, die vorübergehen: „Ihr seid schuld.“ Damit machen es sich die Gräberanleger sehr leicht. Das sind nicht die Schuldigen. Hier versagt die Weltgemeinschaft. Sie verschließt die Augen vor dem Unrecht in den Ländern, aus denen die Flüchtlinge kommen. Aber politisch etwas zu bewegen, ist viel schwerer, als Gräber zu bauen.

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