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Burkhard Jakob war 20 Jahre lang Vorsitzender des größten Eisenhüttenstädter Gartenvereins "Seggelug" mit 350 Parzellen

Fast wie ein Bürgermeister

Wieder mehr freie Zeit: 20 Jahre lang war Burkhard Jakob Vorsitzender des größten Gartenvereins in Eisenhüttenstadt. Auf dem Balkon seiner Wohnung in Eisenhüttenstadt darf natürlich eine Pflanze nicht fehlen.
Wieder mehr freie Zeit: 20 Jahre lang war Burkhard Jakob Vorsitzender des größten Gartenvereins in Eisenhüttenstadt. Auf dem Balkon seiner Wohnung in Eisenhüttenstadt darf natürlich eine Pflanze nicht fehlen. © Foto: MOZ/Gerrit Freitag
Stefan Lötsch / 14.11.2017, 07:08 Uhr
Eisenhüttenstadt (MOZ) Ein Land, eine Stadt und selbst ein Dorf wären nichts ohne Menschen. Viele haben es noch nie in die Schlagzeilen geschafft und sind dennoch wichtig und interessant. Und alle haben etwas zu erzählen. Die MOZ stellt in einer Serie Gesichter aus Oder-Spree vor. Heute: Burkhard Jakob.

Man könnte ihn auch als Bürgermeister bezeichnen. Zumindest war Burkhard Jakob vor allem in den Sommermonaten für so viele Menschen Ansprechpartner, wie manches Dorf in der Umgebung Einwohner hat. Doch die genaue Bezeichnung für den Eisenhüttenstädter lautete bis dieses Jahr: Vorsitzender des Kleingartenvereins Seggelug e. V. Warum der Vergleich mit einem Dorf nicht ganz abwegig ist, macht eine Zahl deutlich: Die Anlage zwischen Fürstenberg und Vogelsang verfügt über 350 Gärten. Es ist der größte Verein im Bereich des Regionalverbandes der Gartenfreunde.

Auch wenn vor allem seit der Wende nicht mehr alle Parzellen belegt sind, so herrscht doch gerade in den Sommermonaten auf den kleinen grünen Inseln reger Betrieb - auch für den "Garten-Bürgermeister". "Da ist mitunter auch viel Schlichtungsarbeit nötig, bei 500 Leuten auf engem Raum", erinnert sich Burkhard Jakob inzwischen mit einem Lachen an eine Aufgabe, die ihn als Vorsitzender gefordert hat. Doch nicht nur innerhalb des Vereins und seiner Mitglieder musste der Vorsitzende wirken, sondern auch nach außen: Mit den Pächtern verhandeln, mit Ämtern und Behörden, zum Beispiel mit dem Finanzamt. Denn der Verein muss seine Gemeinnützigkeit nachweisen. "Da muss man sich mitunter ein dickes Fell zulegen", sagt er im Rückblick auf sein Ehrenamt.

Als Burkhard Jakob Ende der 1970er-Jahre eine Parzelle im Seggelug übernommen hat, da war dies noch ein Volltreffer. Ein eigenes grünes Fleckchen war sehr begehrt. Bald entstand eine eigene Laube. Später kommen Leitungsämter hinzu. Um den großen Verein führen zu können, gibt es fünf Bereichsleiter. Einer davon wurde Anfang der 199er-Jahre Burkhard Jakob. "Der damalige Vorsitzende Heinz Schmidt kam auf mich zu und hat nicht gefragt", sagt er. 1997 übernahm er schließlich den Vorsitz.

Wobei sich gerade in den vergangenen Jahren das Aufgabenfeld eines Vorsitzenden verschoben hat, und das gilt nicht nur für den Seggelug, sondern für viele andere Gartenvereine in der Region beziehungsweise überhaupt in den neuen Ländern. Burkhard Jakob nennt das Stichwort freie Gärten, von dem auch der Seggelug trotz seiner guten Lage in der Nähe der Kiesgruben - die vor allem für die Kombination Angler und Gärtner interessant ist - nicht verschont bleibt.

Früher konnte man auch viel mehr Druck ausüben, wenn ein Kleingärtner auf seiner Parzelle die Bewirtschaftungsvorschriften nicht beachtete oder seinen finanziellen Verpflichtungen, wie der Zahlung der Pacht, nicht nachkam. Es gab damals ja genügend andere Interessenten. Doch das ist nicht mehr so. Mitunter bleibt der Verein auf Forderungen sitzen. "Beim Pflichtbewusstsein hat sich einiges verändert", hat der ehemalige Vorsitzende festgestellt. Bei nicht mehr verpachteten Parzellen bleiben die Abrisskosten. Mitunter springe da aber auch der Regionalverband mit ein, sagt Burkhard Jakob.

Aus seiner eigenen Arbeit sieht Jakob manche Passage im Kleingartengesetz skeptisch, zumal es, bedingt aus der Geschichte, historisch entwickelte Unterschiede zwischen Ost und West gibt. Das fängt schon bei der Größe einer Laube bzw. Datsche und deren Nutzung an.

2013 wollte er eigentlich sein Amt schon abgeben. Aber auch da macht der Verein Seggelug nicht unbedingt eine Ausnahme und Land auf und ab wird beklagt, dass sich für Ehrenämter immer schwieriger Leute finden lassen. Also hängte Burkhard Jakob noch einmal vier Jahre dran. Inzwischen hat sich eine Doppelspitze gefunden, die nun den Vorsitz übernommen hat.

Er selbst hat inzwischen seine Parzelle im Seggelug aufgegeben. Ohne Garten geht es allerdings nicht, in einem anderen Verein bewirtschaftet er nun eine Parzelle. Da klar war, dass der Sohn und die Schwiegertochter den Garten später übernehmen, muss er sich keine Sorge um die Nachfolge machen. Denn Burkhard Jakob weiß aus einem Amt, das er nach wie vor noch ausübt, wie schwierig es ist, heute Gärten weiterzuvermitteln. Er ist Obmann der Gartenbewerter. Bevor eine Parzelle einen neuen Pächter erhält, wird sie bewertet, festgestellt, was auf der Parzelle steht, zum Beispiel an Bäumen und Gesträuch, und was dort nicht hingehört. 180 Pächterwechsel laufen im Schnitt pro Jahr bei den sieben Bewertern auf. Auch da ist eine steigende Zahl zu verzeichnen. Und Burkhard Jakob weiß auch: Der Wert einer Parzelle stimmt of genug nicht mehr mit dem Preis überein, der dafür erzielt wird.

Sechs Fragen an Burkhard Jakob:

Wer hat Sie in Ihrer Entwicklung am meisten beeinflusst, geprägt? Meine Eltern und meine Familie. Meine Frau war während der Zeit, als ich Vorsitzender war, immer wieder Anlaufpunkt und Übermittlerin, hielt mir den Rücken frei. Was würden Sie als Erstes veranlassen, wenn Sie Bürgermeister Ihres Ortes wären? Das ist schwierig zu sagen. Es gibt natürlich für eine Stadt Zwänge, um die man nicht herumkommt. Natürlich wären mehr finanzielle Mittel für die Kleingärten wünschenswert. Die Belange der Vereine sollten mit berücksichtigt werden, zum Beispiel in der Stadtplanung.Möchten Sie noch einmal 17 sein? Ich habe mit 17 Abitur gemacht. Damals war man unbeschwerter. Was wünschen Sie sich seit Jahren? Mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft. Auf Kleingärten bezogen: Dass die Gesetze den heutigen Gegebenheiten angepasst werden. Träumen Sie gern? Nein, dazu bin ich zu sehr Realist. Was hält Sie in Ihrer Heimat? Würden Sie noch mal woanders hinziehen? Nein, ich will nicht mehr woanders hin. Ein Teil der Familie lebt hier, ich bin seit 1964 in Eisenhüttenstadt. Auch gibt es hier den Freundes- und Bekanntenkreis. Auch bin ich im Angelverein.

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