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Verein schätzt, dass 60 Personen, vor allem Männer in Eisenhüttenstadt davon betroffen sind

Versteckte Obdachlosigkeit

Stefan Lötsch / 14.11.2017, 19:53 Uhr
Eisenhüttenstadt (MOZ) In Eisenhüttenstadt gibt es eine verdeckte Obdachlosigkeit, von der zirka 60 Menschen betroffen sind, vorwiegend Männer im Alter zwischen 30 und 40 Jahren. Diese Zahlen nannte jüngst Andreas Werner, Vorsitzender des Obdachlosenwohnhilfevereins in der Glashüttenstraße.

Menschen, die in zerlumpter Kleidung auf der Straße sitzen und betteln, die nachts ihren Schlafsack in Vorräumen von Banken, in Parkanlagen oder auf Lüftungsschlitzen ausrollen, um dort zu übernachten: Zum Beispiel in Berlin gehört das schon längst zum Stadtbild. Solch offene Obdachlosigkeit ist dagegen in Eisenhüttenstadt kaum zu finden, sehr wohl aber eine verdeckte, wie Andreas Werner, Vorsitzender des Obdachlosenwohnhilfevereins in der Glashüttenstraße, weiß. "Obdachlosigkeit hat viele Gesichter", sagt er. Betroffen sind vor allem Männer im Alter zwischen 30 und 40 Jahren. Das kann derjenige sein, den Arbeitslosigkeit aus der Bahn geworfen hat oder derjenige, der aufgrund von Alkohol und Drogen sein Leben nicht mehr geordnet bekommt. Derjenige, der wegen Mietschulden aus seiner Wohnung geflogen ist, keinen Vermieter mehr findet. Oder derjenige, was gar nicht so selten ist, der aus dem Gefängnis entlassen wurde und nun im Wortsinn auf der Straße steht, weil keiner sich um ihn kümmert. Andreas Werner spricht von 60 Menschen, die keine eigene Wohnung haben, in Datschen, Garagen oder bei einem Kumpel schlafen - oder eben beim Obdachlosenwohnhilfeverein.

Der Verein hat zwei Möglichkeiten, Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben, zu helfen. Zum einen ist das die Obdachlosenunterkunft, die im Auftrag der Stadt betrieben wird. Das Nachtasyl hat acht Plätze, kann von den Betroffenen nur in der Zeit von 18 bis 9 Uhr genutzt werden. Für einige Stunden sind dann auch Betreuer des Vereins vor Ort. Andreas Werner sagt, dass es im vergangenen Jahr 108 Übernachtungen gab, wobei manche Übernachtungsgäste mehrmals kommen. Im städtischen Haushalt sind laut Haushaltsplan für das Nachtasyl 8000 Euro eingestellt, wobei die Kämmerei einschätzt, dass in diesem Jahr die Summe nicht ausgeschöpft wird.

Eine Besonderheit in Eisenhüttenstadt und bei dem Verein, die mit dazu beiträgt, dass niemand auf der Straße leben muss, ist, dass der Verein in den Gebäuden, die er in der Glashüttenstraße nutzt, auch eigene Wohnungen vermieten kann. "Momentan haben wir für 42 Personen einen Mietvertrag für ein Zimmer oder eine Wohnung", so Werner. "Oftmals sind wir die einzigen Vermieter, welche den Betroffenen noch eine Chance auf einen eigenen Wohnraum geben. "Viele kommen aus dem Gefängnis, wissen nicht wohin, wenn sie keiner auffängt", nennt der Vorsitzende ein Beispiel, fügt aber auch einschränkend hinzu: "Es ist eine Chance, die viel zu oft nicht genutzt wird."

Die Mietverträge sind zunächst auf ein Jahr begrenzt. Werner betont, dass jeder der Mieter so wohnen und leben darf, wie er will. Der Vorsitzende verschweigt aber auch nicht, dass manche Wohnungen nach dem Auszug völlig verwahrlost sind, mit Mitteln des Vereins saniert werden müssen.

Mitunter schaffen es Bewohner auch wieder, Fuß zu fassen, einen Weg zurückzufinden. Der Verein bietet aber nicht nur eine Bleibe, sondern hat selbst ein breit gefächertes Angebot vom Mittagstisch für Bedürftige, über eine Tischlerei, Möbel- und Kleiderkammer. Darüber hinaus könne man auf ein Netzwerk zurückgreifen, so Werner, man arbeite zum Beispiel mit der Sucht- und Schuldnerberatung zusammen, aber auch mit Krankenkassen. Denn nicht wenige haben nicht einmal eine eigene Gesundheitskarte.

Kommentar: Wertvolle Arbeit

Offene Obdachlosigkeit, wie man sie aus vielen großen Städten kennt und wo sie einem augenscheinlich begegnet, gibt es zum Glück in Eisenhüttenstadt nicht. Und doch ist die Zahl der Menschen nicht gering, die aus den unterschiedlichsten Gründen aus sozialen Beziehungen gefallen sind und auch deshalb keine eigene Wohnung mehr haben.Eisenhüttenstadt kann von Glück sagen, dass dort das soziale Netz so eng geknüpft ist, dass niemand durchfallen und auch niemand auf der Straße leben muss. Nicht nur auf diesem Gebiet leistet der Obdachlosenwohnhilfeverein, der selbst in der Vergangenheit schon in raue See geraten war, eine wertvolle Arbeit. Der Vorteil gegenüber anderen Kommunen, die nur ein Obdachlosenheim haben, ist, dass der Verein Wohnungen vermieten kann. Dass das keine einfache Arbeit ist, kann man sich denken. Jegliche Unterstützung ist deshalb gut angelegt. Stefan Lötsch

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