Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de
Unser Gewinnspiel zu Weihnachten - Heute 100€ gewinnen

Konzert für Gottfried Glöckner gerät zum Gedenken an seine verstorbene Frau Helga Glöckner-Neubert

Abschied wie von einem Sommer

Frauke Adesiyan / 14.11.2017, 06:38 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Es sollte ein festliches Konzert zum 80. Geburtstag von Gottfried Glöckner werden. Doch kurz nach seinem Jubiläum im Juni ist Helga Glöckner-Neubert gestorben. Fast 50 Jahre war sie privat wie beruflich die engste Vertraute des Komponisten. Das Konzert am Sonnabend wird nun auch zum Abschied von ihr.

Ihm stehen die Tränen in den Augen, sobald er über seine "kleine Helga" spricht. Gottfried Glöckner ist wenige Tage vor dem Konzert zu seinen Ehren so gar nicht zum Feiern zumute. In seinem alten Häuschen in Alt Madlitz sitzt der 80-jährige Komponist, raucht - wie immer schon - eine Zigarette nach der anderen und komponiert nicht mehr. Seit seine Ehefrau, die Lyrikerin Helga Glöckner-Neubert, Ende August nach langer Krankheit gestorben ist, ist ihm nicht mehr danach, Musik zu schreiben, so wie er es bis dahin jeden Tag getan hat. "Nach etwas lustigem ist mir nicht zumute und was Trauriges - ach, traurig bin ich schon genug."

Stattdessen hat er in den vergangenen Wochen täglich am Computer gesessen und die Lieder, die er mit seiner Frau geschaffen hat, Wort für Wort, Note für Note in den Computer getippt. 135 sind es genau, einige von ihnen werden die verschiedenen Chöre der Singakademie am Sonnabend in der Konzerthalle singen. "In meiner Stadt" ist darunter und das "Kranichlied", das so viele Frankfurter Kinder in den vergangenen Jahrzehnten gelernt haben. Aber auch an einem witzigen Klassiker versucht sich ein Solist des Knabenchors. In "Der Einkaufszettel" hat Helga Glöckner-Neubert ihren Witz bewiesen und schon so manchen Sänger in den Wahnsinn getrieben mit den durcheinander gewirbelten Lebensmitteln.

Für Glöckner ist klar: Ohne seine Frau hätte er viele seiner Kompositionen nicht erdenken können. "Der eine ist ohne den anderen nichts", sagt er. Schon seit ihrem Kennenlernen haben die beiden ihre Liebe und die Arbeit nie auseinandergehalten. 1966 war es, als sie einander in Sondershausen bei einem Lehrgang für schreibende Arbeiter und komponierende Werktätige kennengelernt haben. "In dieser Woche haben wir unser allererstes Lied geschrieben", erinnert sich Glöckner. Helga Neubert arbeitete damals als Russisch-Lektorin an der Universität Leipzig. Zuvor hatte sie Bibliothekarin gelernt. Beide waren damals noch in anderen Beziehungen, sehr schnell jedoch kamen sie zusammen, heirateten und bekamen ihre Tochter Jana. 1975 zogen sie nach Frankfurt und schufen musikalische Werke, die blieben. Neben großer Sinfonik waren darunter immer wieder Lieder mit der geschliffenen, zuweilen humorvollen Handschrift von Helga Glöckner-Neubert. Darunter Städte-Lieder für Eberswalde, Storkow und auch Salzwedel.

Glöckner wird nicht müde zu betonen, dass es vor allem seine Frau ist, der die Würdigung gebührt. Das Konzert der Singakademie, der Glöckner nicht nur viele Werke schrieb, sondern deren Chöre er auch jahrelang als Korrepetitor begleitete, will er unbedingt so verstanden wissen. Es scheint seine Art zu sein, in diesen Tagen mit dem Schmerz umzugehen. Seit seiner Pensionierung hatten die Eheleute jede Minute miteinander verbracht, auf seinem 80. Geburtstag im Juni haben sie noch miteinander getanzt, danach wurde Helga Glöckner-Neubert aber schnell immer schwächer. Am 27. August, kurz vor ihrem 79. Geburtstag, ist sie gestorben

Noch heute stellt Glöckner jeden Morgen zwei Tassen Kaffee auf den Küchentisch. Dass das Künstlerpaar nicht mehr komplett ist, hat er genauso wenig verkraftet wie Tochter Jana. In ihrer Schneiderei hängt ein Gedicht der Mutter an der Wand, in dem es heißt: "Es steht auf meinem Tisch ein bunter Stehaufharlekin, der lacht sich eins und schaukelt hin und her. Und fällt er auf die Nase, stellt er sich gleich wieder hin und lacht genauso, als ob nichts geschehen wär." Diese Einstellung habe sie immer mit ihrer Mutter geteilt. Auch Gottfried Glöckner geben die Worte seiner Frau etwas Trost. Etwa das Gedicht, das sie in ihrer ersten gemeinsamen Woche geschrieben haben und in dem es heißt, "Ich nehme Abschied von dir, wie von einem Sommer."

Das Konzert beginnt am Sonnabend, 15 Uhr in der Konzerthalle; neben den Chören der Singakademie singt der Chor Associação Musical Lisboa Cantat

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2017 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG