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Der Mensch als Medium des Klangs

Erfahrungen eines Profis: Katja Görmar (rechts) ist Teilnehmerin des Kurses von Verena Rein.
Erfahrungen eines Profis: Katja Görmar (rechts) ist Teilnehmerin des Kurses von Verena Rein. © Foto: MZV
Christian Schönberg / 18.08.2017, 18:04 Uhr
Ganz (MZV) Es klingt absurd. "Wir dürfen nicht singen", sagt Verena Rein. Sie sagt es in einem - Gesangkurs. Doch der Satz ergibt durchaus einen Sinn, wenn man ihr weiter zuhört: "Es geht bei jedem Gesang darum, singen zu lassen. Der Mensch ist nur das Medium für den Klang."

Andere Musikenthusiasten wissen eben: Es heißt nicht "Ich singe", sondern "Es singt (in mir)". Das ist nur eine der vielen Facetten, die den Meisterkurs von Verena Rein auch für Amateure zu einem spannenden und lehrreichen Unterfangen werden lassen. Zum zweiten Mal gibt sie ihn in dem abgeschiedenen Kyritzer Ortsteil südlich von Herzsprung.

Dass die erfahrene und erfolgreiche Opernsängerin und Ausbilderin den Weg dorthin gefunden hat, hat auch mit dem Ruppiner See zu tun: Dort war die Berlinerin mit ihrer Familie des Öfteren mit dem Faltboot unterwegs. Ein Domizil auf dem Lande ist ihr schon lange vorgeschwebt. Und vor einigen Jahren gab es dieses Angebot aus dem 55-Einwohner-Dorf. Just auf solch einer Bootstour von Wustrau nach Neuruppin entdeckten sie das Angebot auf einer Immobilien-Seite im Internet: "Es war eine ziemlich schnelle Entscheidung", sagt Verena Rein heute. Sie habe sich kein anderes Grundstück für den Umzug in Ländliche angeschaut, als sie die Entscheidung fällte, dort- und nirgendwo anders hin zu gehen, sagt sie: "Die Abgeschiedenheit war natürlich ein Plus." Schließlich arbeite sie viel mit Gesang. Und Nachbarn wollen nicht gestört werden.

Tatsächlich ist schon von draußen die Sopran-Stimme von Katja Görmar vernehmbar. Sie gehört zu den zwölf Teilnehmern des Kurses, der am Donnerstag gestartet ist. So klangvoll Katja Görmars Gesang auch zu hören ist: Um Lautstärke dürfe es nicht gehen, sagt Verena Rein. "Selbst in Wagners Kompositionen sind die Partituren zu 80Prozent leise und nur zu 20Prozent laut", fügt sie beispielgebend hinzu. Dennoch nimmt im heutigen Musikbetrieb das Geräuschvolle eine immer dominierende Rolle ein: "Es ist heute ein Grundproblem des klassischen Gesangs, dass das Persönliche in den Vordergund gerückt wird", sagt sie. Dabei dürfe es doch nur darum gehen, das Singen und nichts anderes sprechen zu lassen. In Verena Reins Worten: "Es geht nicht darum, Klang zu produzieren, sondern ihn zu empfangen."

Doch von ganz allein kommt kein guter Gesang. Die Einstellung zur Musik spielt beim Meisterkurs eine wesentliche Rolle. Aber es geht eben auch um Techniken: Was mit der Atmung oder im Mund passiert, zum Beispiel. "Die Zungenspitze muss tanzen können", sagt sie. Oder: "Der Zungenrücken braucht ein Tastgefühl, um den Ton um sich herumzulassen." Katja Görmar beherzigt jeden Hinweis - und ihr Klang wird farbiger und lebendiger als er zuvor ohnehin schon war.

Verena Rein ist anzumerken, dass sie schon viel unterrichtet hat: Gestik und Mimik wirken professionell und charismatisch. Sie ist weltweit gefragt. Ihr Bühnendebüt hat sie in der Schweiz gegeben. Unterricht gegeben hat sie unter anderem in Armenien, Litauen und Malta. Sie hätte sich auch mit Dauer-Engagements an großen Opernbühnen finanzielle Risikolosigkeit erkaufen können. "Aber ich brauche einfach die Freiheit", sagt sie. Nicht zuletzt deswegen behält sie auch den ungemein kritischen Blick auf die Kulturwelt und auf selbst ernannte Bildungsbürger. "Ihnen geht es nur noch darum, Musik zu konsumieren", sagt Verena Rein. "Sie wissen am nächsten Tag nicht mehr, was sie eigentlich gestern gehört haben." Sehen und gesehen werden ist das A und O der städtischen High Society. Ein geeignetes Umfeld für klassische Musik, ihre Wurzeln zu verlieren - die zu Herzen gehenden leisen Klänge zum Beispiel. Den Kontrast bietet das ländliche Publikum, das kein Opernhaus in der Nachbarschaft hat. "Sie verstehen es noch, mit dem Herzen zu hören"sagt Verena Rein.

Dass klassische Gesänge Ostprignitz-Ruppiner Publikum anzulocken verstehen, hat im vorigen Jahr der erste Meisterkurs in Ganz gezeigt. Denn die Teilnehmer präsentierten ihr Können und das Erlernte in der Kirche des Nachbarortes Teetz: "Ich hatte mit 20Besuchern gerechnet", erinnert sich Rein. "Es kamen 130." Die Akustik in der Kirche sei einfach einzigartig, sagt sie. Deshalb war es selbstverständlich, dass es auch in diesem Jahr nur diesen einen Ort geben kann, in dem die Teilnehmer des diesjährigen Meisterkurses auftreten und singen werden. Oder anders gesagt: Die Gesänge für sich sprechen lassen.

Das Abschlusskonzert des Meisterkurses in der Teetzer Kirche ist jetzt am Sonntag um 15Uhr bei freiem Eintritt zu erleben. Wer Geld spendet, tut etwas für den Erhalt der Kirche, um den sich ein Teetzer Förderverein bemüht.

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