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"Choral Total" - 18 Chöre singen sich in Prenzlau 40 Stunden lang durchs Gesangbuch

Rekordversuch mit 535 Liedern

Bei „Choral Total“ haben sich 18 Chöre aus der Uckermark und darüberhinaus an einem offiziellen Guinness-Weltrekordversuch beteiligt.
Bei „Choral Total“ haben sich 18 Chöre aus der Uckermark und darüberhinaus an einem offiziellen Guinness-Weltrekordversuch beteiligt. © Foto: MOZ/Oliver Voigt
Cornelia Jentzsch / 31.10.2017, 20:42 Uhr - Aktualisiert 31.10.2017, 22:11
Prenzlau (MOZ) Hoch am Himmel über der Nikolaikirche in Prenzlau zieht laut rufend ein großer Schwarm Vögel. Die aufsteigende Sonne strahlt hell durch die Kirchenfenster am Morgen des Reformationstages. Im Inneren der Kirche brennen noch einige Kerzen. Es ist kurz vor 8 Uhr, als Kreiskantor Hannes Ludwig das letzte der Lieder aus dem evangelischen Gesangbuch ansagt und der Prenzlauer Kantorei-Chor zu singen beginnt.

Vor den etwa zwanzig jungen wie älteren Zuhörern liegen aufgeschlagene Gesangbücher zum Mit-Einstimmen. In der Luft schwingt: Gelöstheit, Freude, ein wenig Müdigkeit sicher auch. Hat doch Hannes Ludwig gemeinsam mit 18 Chören, weiteren Kantoren und Organisten plus vielen unterschiedlich lange verweilenden Zuhörern zwei ungewöhnliche Tage und Nächte in der Kirche am Dominikanerkloster in Prenzlau verbracht.

Über vierzig Stunden lang waren im Kirchenschiff ohne Pause sämtliche 535 Lieder aus dem Kern des evangelischen Gesangbuches erklungen. Stündlich hatten die Chöre gewechselt, die aus der ganzen Uckermark, dem Barnim und Mecklenburg-Vorpommern gekommen waren. Eingeladen waren alle, eigene Geschichten und Erlebnisse, die sie mit dem einen oder anderen Choral verbinden, mitzubringen. "Ach Gott, vom Himmel sieh darein" bat Martin Luther in Lied 273 und hatte in Prenzlau zwei volle Tage lang mit ziemlicher Sicherheit Gehör gefunden.

Nun, nach getaner Arbeit, antwortet Hannes Ludwig, Initiator dieses besonderen Ereignisses, auf die Frage, wie er sich fühle: Er habe ordentlich Hunger! Das Geistliche ruht halt festgefügt auf dem Weltlichen, auch das gehörte zu den Botschaften des Kirchenreformators Luther.

Gesprochen worden war wenig in dieser ganzen Zeit. Was die Besucher gern loswerden wollten, konnten sie in ein Gästebuch schreiben - und nachlesen. "Spiritualität findet man heute nicht mehr so oft, Singen ist so viel mehr als nur Töne. Choral Total zeigt, wie viel Werte uns verloren gehen", schreibt da einer. Ein Anderer findet, die Nachtstunden seien die schönsten gewesen seien, sanft und meditativ. Und dass er aus den alten Texten erfahren habe, welch schwere Zeiten Dichter durchgemacht hätten. Und weiter: "Ich habe die ganze Zeit in der Kirche verbracht, singend, spielend (an der Orgel), schlafend."

Sie alle genossen sichtbar die "traumhafte Atmosphäre" (so ein weiteres Zitat aus dem Gästebuch). Besonders nachts - die Kirche nur erhellt von kleinen Lampen an den Notenständern, sonst nur Kerzenlicht. Manche Besucher äußerten Bedauern darüber, dass heute immer weniger Menschen Lieder in den Kirchen erklingen lassen. Gefragt wurde auch, ob es wohl der Abgesang auf gute alte Zeiten sei.

Vielleicht war das der Grund für die Idee, diesen Gesangsmarathon ins Guinessbuch der Rekorde aufnehmen zu lassen. Denn eigentlich ist in dieser Sammlung menschlicher Extrem- und Schauwerte für Spiritualität wenig Raum. Was nicht gemessen, gewogen oder gezählt werden kann, ist keine Höchstleistung, so bestimmt es sein Reglement. Nach dem Streit einer Jagdgesellschaft um den schnellsten Vogel Europas hatte der Geschäftsführer der irischen Guiness-Brauerei Sir Beaver im Jahr 1955 diese Werbeaktion beschlossen. Das Guinness World Records Buch sollte Diskussionen in den Pubs ankurbeln - und den Bierkonsum.

Ob die Aktion in Prenzlau am Ende tatsächlich einen Eintrag bekommt, ist noch nicht klar. Die Gemeinde muss erst die Unterlagen - Kameramitschnitte und Zeugenberichte - einreichen, dann wird ihr Antrag geprüft. Zumindest hat so etwas hat bisher noch nie jemand gemacht.

Dass jetzt ausgerechnet das evangelische Gesangbuch womöglich ins Guinnessbuch einzieht, ist schon etwas aberwitzig. Letzten Endes bedeutet es wohl einen Tribut an unsere heutige Zeit, in der Spiritualität und technischer Fortschritt immer stärker konkurrieren. Vielleicht muss deshalb das Leise manchmal das Laute zu Hilfe nehmen, um gehört zu werden.

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