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Die Bürgerbühne Schwedt liest aus "Theas Stein" / Betroffenheit bei Akteuren und Publikum

Uckermärkische Geschichte gegen das Vergessen

Die Bürgerbühne liest: Sechs Mitwirkende sind im Bild, insgesamt acht Leser stellten das Buch "Theas Stein" vor.
Die Bürgerbühne liest: Sechs Mitwirkende sind im Bild, insgesamt acht Leser stellten das Buch "Theas Stein" vor. © Foto: MOZ/Oliver Voigt
Kathrin Putzbach-Timm / 14.11.2017, 20:31 Uhr
Schwedt (MOZ) Im Geschichtsunterricht lernen Generationen die historischen Eckdaten und politischen Hintergründe. Touristen stolpern über kleine Gedenksteine vor ehemaligen Wohnhäusern jüdischer Familien. Doch die Schicksale der verfolgten Menschen bleiben oft abstrakt. Wer durch uckermärkische Idylle fährt, kann nur schwer glauben, dass der braune Geist des dritten Reiches selbst vor der Provinz nicht Halt machte.

Pfarrer Ulrich Kasparick ist es zu verdanken, dass die Biografie der Familie Paul Jacoby aus dem kleinen Örtchen Hetzdorf vor dem Vergessen bewahrt und der Satz "Das haben wir nicht gewusst." Lügen gestraft wird. Der Theologe und ehemalige Politiker, der seit 2011 in dem 100-Seelen-Dorf lebt, hat anonyme Nummern und Zahlen, Fakten und Listen aus den Bundes-, Landes- und Kirchenarchiven zu einem Leben rekonstruiert. Er hat Zeitzeugen der letzten Generation, die noch erzählen kann, um ihre bedrückenden Erinnerungen befragt. Er hat in seinem Buch "Theas Stein" die großen politischen Ereignisse jener Zeit mit dem Leben einer ganz normalen deutschen Familie jüdischer Herkunft verquickt. Bestehend aus Paul Jacoby: Landwirt und Inhaber eines Geschäftes. Wortkarg wie alle Uckermärker, zu dem die Kinder Onkel Paul sagen und der sie fragt "Na Kind, willsten Bons?" Aus seiner Frau Erna mit dem strengen Haarknoten und den guten Augen. Aus den Kindern Ruth, Herbert und Thea, die einen gläsernen Stein besitzt, den sie ihrer besten Freundin zum Abschied schenken wird und den diese ihr Leben lang aufbewahrt.

Darsteller der Bürgerbühne Schwedt gaben ausgewählten Texten aus Kasparicks Buch anlässlich des Progromnachtgedenkens ihre Stimme. Es beginnt schleichend zu wirken, das braune Gift der Volksverhetzung und wird wie überall in seiner Wirkung unterschätzt. Schließlich ist Paul ein angesehener Bürger, Schützenkönig und Träger des Eisernern Kreuzes. Und schließlich "können die Nazis nicht alle Juden umbringen" beruhigt Paul seine Frau angesichts der beängstigenden Nachrichten aus Uckermark-Kurier und Pommerscher Zeitung, Volksempfänger und Landfilm. Doch auch in dem kleinen Dorf bei Prenzlau fliegen in der Pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 Steine auf Jacobys Geschäft, wird der Laden mit Brettern vernagelt. Nur dem beherzten Eingreifen des Nachbarn Gustav Ebert ist zu verdanken, dass es nicht noch in Flammen aufgeht. Die Geschichte nimmt ihren schlimmen Verlauf mit dem Verbot für die Kinder die deutsche Schule zu besuchen, dem Zwangsverkauf des Hauses, der Flucht, dem Transport nach Auschwitz. Selbst Tochter Ruth wird mit ihrem gerade geborenen Baby aus der Klinik geholt.

"Am Ende sind sie alle tot", lauten die letzten Wort Rita Domeniks am Schluss der Lesung und das intime theater der Ubs. ist minutenlang erfüllt von beklommenem Schweigen. Die Dramaturgie der Lesung verdeutlichte die Verstrickung eines ganzen Dorfes in die Geschehnisse dieser Zeit. Da waren die, die den ideologischen Häschern und dem Ortsgruppenführer folgten - aber auch jene mit Zivilcourage wie der Lehrer, der Pastor und der ehemalige Bürgermeister und die sich durch ihr Eintreten für die Jacobys selbst in Gefahr begaben.

"Es gab Stellen während des Lesens, da hatte ich Mühe, dass mir nicht die Tränen kommen", gesteht Klaus Rosigkeit über seinen Part der Lesung und äußert sich betroffen über manche Parallele zur heutigen Zeit. "Man spürte, dass es aus dem Herzen kam", lobten Autor und Verleger die Mitwirkenden. "Genau das machte es auch zur Herausforderung", so Regisseur Daniel Heinz.

U. Kasparick, Theas Stein, Schibri-Verlag, ISBN 978-3-86863-154-8

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