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Heute vor 175 Jahren erreichte der erste Zug den Angermünder Bahnhof / Für eine ganze Region brach ein neues Zeitalter an

Großes Jubiläum ohne Feier

Oliver Schwers / 15.11.2017, 06:50 Uhr
Angermünde (MOZ) Großes Jubiläum - doch niemand nimmt davon Notiz: Am 15. November 1842 wurde der Angermünder Bahnhof eingeweiht. Von hier startete der erste Zug Richtung Eberswalde auf der gerade fertig gewordenen Eisenbahnstrecke nach Berlin. Die Bahn veränderte eine ganze Region.

Es war das Ereignis des Jahres: Mit einem riesigen Fest eröffneten Magistrat und Angermünder Bürger ihr neues Tor zur Welt. Die Zeit der Kutschen und Fuhrwerke endete Punkt zehn Uhr, als sich der erste Eisenbahnzug mit der Lokomotive "Blücher" und zwölf Wagen aus dem soeben eingeweihten neuen Bahnhof unter dem Jubel der Menge in Richtung Neustadt-Eberswalde in Bewegung setzte. Drinnen saßen Verwaltungsbeamte, Honoratioren der Stadt, Abgeordnete und viele Bürger, die eine der höchst begehrten Fahrkarten ergattert hatten. Es dauerte genau 53 Minuten, bis der Einweihungszug auf der gerade fertig gewordenen Strecke den schon im Juli 1842 in Betrieb genommenen Bahnhof Eberswalde erreichte. Dort hatte man sogar eine blumengeschmückte Ehrenpforte über das Gleis gespannt. Trompeten und Pauken erklangen zur Begrüßung. Gegen Mittag dampfte der Festzug zurück nach Angermünde und erreichte den Bahnhof gegen 13 Uhr. Der Schienenanschluss nach Berlin war gelungen. Das Ereignis - minutiös von der Presse begleitet - ging mit einem festlichen Ball am Abend zu Ende. Ein Jahr später folgte die Inbetriebnahme der gesamten Eisenbahnstrecke bis Stettin.

Die enorme wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung des neuen Verkehrsmittels hatte Angermünde schon zwei Jahre zuvor erkannt. Die Stadt setzte alles daran, die zu errichtende Station, die später der wichtigste Verkehrsknotenpunkt der Uckermark werden sollte, so dicht wie möglich ans Zentrum zu legen. Man stellte der Bahn sogar kostenloses Land zur Verfügung und ließ insgesamt sieben störende Scheunen komplett abbauen und andernorts wieder neu errichten. Bei der Inbetriebnahme verliefen die Gleise noch über den heutigen Bahnhofsvorplatz. Später verlegte man die Schienen komplett auf die andere Seite.

Der Anschluss an den neuen Eisenbahnverkehr brachte in jeder Hinsicht den erwarteten Aufschwung. Menschen konnten ohne längeren Aufenthalt bis in die Großstadt kommen. Unternehmen der gesamten Umgebung erschlossen sich neue Märkte. Am meisten profitierte die Landwirtschaft. Güter aller Art kamen - damals noch pünktlich - aus der ganzen Welt in die Geschäfte. Schon bald reichte das alte Empfangsgebäude dem Ansturm nicht mehr aus. Gleich daneben wurde schon 1861 das heute noch existierende errichtet. In das frei gewordene ursprüngliche Bahnhofsgebäude zog daraufhin die Bahnpost ein. Es überlebte die Zeiten und fiel nach langer Vernachlässigung erst vor wenigen Jahren der Abrissbirne zum Opfer.

Umgebaut und erweitert wurde der Angermünder Bahnhof immer wieder, weil die Züge schneller rollten, der Verkehr zunahm und das Güteraufkommen stieg. Mit der später errichteten wichtigen Eisenbahnlinie Angermünde-Stralsund und den Strecken Angermünde-Schwedt sowie Angermünde-Bad Freienwalde nahm die Bedeutung des Knotenpunkts weiter zu.

Heute ist die Station aus dem Streckennetz der Eisenbahn nicht wegzudenken. Für eine festliche Erinnerung an dieses denkwürdige Jubiläum hat es aber offenbar nicht gereicht. Stattdessen beklagen Pendler, die täglich von Angermünde in alle Richtungen zur Arbeit müssen, die permanenten Zugausfälle, Störungen und Verspätungen auf der Linie des Regionalexpress 3.

Geplant ist die Wiederertüchtigung der seit 1945 ins Hintertreffen geratenen Stettiner Linie im Abschnitt zwischen Passow und der deutschen Grenze. Allerdings soll es nur ein Gleis geben. Dagegen laufen Kommunen, Verwaltungen und Politiker verschiedener Parteien Sturm. Sie verlangen den Bau des zweiten Gleises.

Damals und heute: Jubiläen sind ein besonderes Phänomen in der deutschen Kultur: Sie tragen nicht nur zur Geschichtsaufarbeitung bei und erinnern an große oder kleinere Anlässe. Sie dienen auch dazu, Ereignisse aus der Vergangenheit in den aktuellen Bezug zu setzen.Was wäre nun wohl günstiger gewesen, als mit einer 175-Jahrfeier auf die derzeit völlig desolate Situation der einst bedeutenden Stettiner Bahnlinie aufmerksam zu machen? Und auf den Ärger, den die vielen Pendler täglich ertragen müssen, wenn sie wechselnden Ansagen, gestrichenen Verbindungen oder Dauerverspätungen hinterherhecheln müssen.In 175 Jahren hat sich die Technik rasant verändert. Züge fahren immer noch. Doch neu ist, dass die Bahn offenbar selbst nicht mehr an die Schiene glaubt. Nicht anders ist es zu werten, dass heute Bürger, Verwaltungen und Lokalpolitiker bessere Verbindungen zwischen den Metropolen Berlin und Stettin lautstark einklagen müssen. Von der Bahn aber ist wenig zu hören.Aber vielleicht gibt ja das Jubiläum 175 Jahre Stettiner Bahnlinie im August 2018 doch noch den Anstoß zu einem Festakt, um die vergessene Bahn Richtung Osten wieder ins Rampenlicht zu rücken.Oliver Schwers


■ Schon 1840 hat der königliche Wegebaumeister L. v. Quitzow in einer gedruckten Argumentationsschrift auf die "Erhebung des Wohlstandes" der Stadt Angermünde durch die Eisenbahnanbindung hingewiesen: "So dürfte auch für Angermünde selbst die Vergangenheit den Vortheil der Bekehrung bringen, damit es sich für die Zukunft durch gewerbliche Theilnahme günstiger zur Außenwelt stelle, wozu diese beabsichtigte Eisenbahn-Anlage das verbindende Mittel zum Zweck wird".
■ Eine detaillierte Geschichte der Strecke haben Horst Regling, Dieter Grusenick und Erich Morlok in ihrem Buch "Die Berlin-Stettiner Eisenbahn", erschienen 1996 bei Transpress, veröffentlicht.
■ Die frühere Zahl der Bahnsteige wurde nach der jüngsten Modernisierung reduziert. Heute gibt es zwei Bahnsteige mit vier Gleisen sowie einen Kopfbahnsteig.
■ Täglich verkehren von Angermünde Züge in Richtung Stralsund, Berlin und Schwedt. Die Freienwalder Strecke wurde stillgelegt.

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