Ein Zwölfjähriger auf der Suche nach der ersten Liebe, eine gläserne Schneckenspur, die für einen kurzen Moment die Eile in Frage stellt - Worte, Gedanken, Gefühle, Sehnsüchte, die eines gemeinsam haben: Sie sind Poesie. "Poesie ist das Wunder der Beständigkeit bei aller Vergänglichkeit", beschreibt es Rochus Stordeur in seiner Laudatio für die Preisträger des Ehm-Welk-Literaturpreises 2012. "Dichter sind die Verkünder der Poesie, die in uns allen wohnt, auch in jenen, die Papier nur als Fragebogen kennen", so Stordeur, selbst Träger des uckermärkischen Literaturpreises 2010.
Yvonne Zitzmann und Ralf Günther Schein sind Verkünder der Poesie. Unter 43 Bewerbern in diesem Jahr haben sich ihre Texte durchgesetzt. Einziges Kriterium der Ausschreibung, die im Zwei-Jahres-Rhythmus durch den Uckermark-Landrat erfolgt, ist der Heimatgedanke im Sinne Ehm Welks, der sich in den Beiträgen widerspiegeln soll. Weder Heimattümelei noch eine idyllische Blase einer heilen Welt seien damit gemeint. Das würde dem Anspruch Ehm Welks nicht genügen, betonte Landrat Dietmar Schulze zur Preisverleihung im Ehm-Welk- und Heimatmuseum. Heimat stehe auch für Vertrautheit. "Ich glaube, dass wir Vertrautheit zum Leben brauchen", so Schulze. Der uckermärkische Literaturpreis stehe unter dem Anspruch des Bewahrens und Einmischens durch Schreiben, wie es Ehm Welk getan hat. "Ehm Welks Werke sind durch die Beschreibung sozialer Widersprüche bis in die Familie hinein und einen ausgeklügelten Widerstand gegen Willkür und Ungerechtigkeit gezeichnet. Zugleich beschreibt er meisterlich Charaktere und Landschaft, seine Heimat." Das habe sich in den Texten der Preisträger wiedergefunden, urteilte die Jury.
Yvonne Zitzmanns Erzählung "Endmoränen" ist die Geschichte eines Jungen in einem uckermärkischen Dorf, den eine erste Ahnung von Liebe spätabends heimlich durchs Dorf treibt, wo er überraschenderweise allerlei anderen Leuten begegnet - den großen Jungs, die ein Schwein in den Sumpf jagen, dem Bürgermeister, der mit der Wirtin herum macht ... Die 36-Jährige hat die Schriftstellerei seit drei Jahren zu ihrem Beruf gemacht. "Ich kann nicht anders, ich muss schreiben." Die Preisträgergeschichte hat sie auf ihrer Hochzeitsreise im vergangenen Jahr geschrieben.
Ralf Günther Schein, Pfarrer in Templin, wurde für seinen Gedichtzyklus "Jahresringe" ausgezeichnet und ist einer der wenigen Lyriker unter den Literaturpreisträgern. Ob es die Schleimspur der Schnecke oder der schwere Novemberregen ist, Schein zeigt durch eindringliche Bilder, dass es sich lohnt, anzuhalten und hinzuschauen. Er wird am 22. November in Angermünde lesen.