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Ein Frankfurter Schüler

Ralf-Rüdiger Targiel / 25.04.2014, 07:28 Uhr
Frankfurt (MOZ) Professor Friedrich Lotter ist tot. Der emeritierte Mittelalter-Historiker ist am 9. April mit 90 Jahren in Kassel gestorben. Lotter gehörte seit Mai 1995 dem Frankfurter Historischen Verein an und war einer der profiliertesten Mitglieder des Vereins. Seine Forschungsschwerpunkte, die er auch nach der Emeritierung aktiv weiterverfolgte, waren unter anderem der Rechtstatus der Juden, die christlich-jüdischen Beziehungen und die Judenverfolgungen in der Spätantike und im Mittelalter.

Als ausgewiesener Kenner von Frankfurts Geschichte war er zugleich ein Teil dieser Geschichte. Schon bald nach seiner Geburt am 22. Dezember 1924 in Walcz (ehem. Deutsch-Krone) kam er mit seinen Eltern nach Frankfurt. Sein Vater Paul Lotter wirkte hier als Studienrat an der Höheren Technischen Staatslehranstalt für Hoch- und Tiefbau. Die Familie wohnte im Haus Sophienstr. 47. Von 1935 bis 1942 besuchte Friedrich Lotter das Frankfurter Friedrichsgymnasium. Seine Schulzeit endete mit dem sogenannten Reifevermerk. Über diese Zeit berichtete er ausführlich in einem 1994 anlässlich des 300. Jahrestages des Gymnasiums erschienenen Buch. Darin erinnerte er sich auch an die "Reichskristallnacht" im November 1938, an den schockartigen Eindruck, den er von dem Pogrom bekam. Er bekannte vor den heutigen Schülern, dass er und seine Mitschüler damals die Eindrücke nicht verarbeitet, sondern verdrängt hatten.

Mit dem Notabitur wurde er zum Arbeitsdienst und dann im Oktober 1942 zur Wehrmacht einberufen und geriet schließlich am 10. Mai 1945 in sowjetische Gefangenschaft und damit in ein Lager bei Charkow in der Ukraine. Ende 1947 kehrte er über Frankfurt zurück. Er blieb jedoch nicht hier, wo, wie er später von seinen ehemaligen Klassenkameraden erfahren sollte, mancher seiner Bekannten verhaftet wurde. Er ging in den Westen. Dort erwarb er schnell ein vollwertiges Abiturzeugnis und studierte in Marburg Geschichte und Klassische Philologie. 1953 zog er nach Kassel, wo er am dortigen Wilhelmsgymnasium Latein und Geschichte lehrte. 1956 promovierte und 1972 habilitierte er sich an der Universität Marburg. Es folgten zwei Jahre als Dozent in Marburg. Von 1974 bis 1990 hatte er die Professur für Mittelalterliche Geschichte an der Universität in Göttingen inne. Nach seiner Emeritierung - nun, da er keine Lehrveranstaltungen mehr zu absolvieren hatte - widmete er sich vermehrt der Forschungs- und Publikationstätigkeit, darunter besonders auch in der 1991 begründeten Zeitschrift "Aschkenas". Dort erschien noch im ersten Heft 2014 ein Beitrag von ihm.

Seit Mitte der 1990er-Jahre widmete er sich besonders dem Schicksal der jüdischen Bürger Frankfurts, fuhr nach Israel und Großbritannien und interviewte die Überlebenden und Nachkommen. Darüber sprach er erstmals am 22. Mai 1996 in Frankfurt auf einer gemeinsamen Veranstaltung des Historischen Vereins und der Universität. Sein Beitrag über die Entwurzelung und Selbstbehauptung - Schicksale der Frankfurter Juden unter der NS-Herrschaft und in der neuen Heimat - wurde im Heft 2/1996 der Vereinsmitteilungen veröffentlicht.

Weitere Veröffentlichungen folgten, unter anderem im Frankfurter Jahrbuch des Fördervereins des Museums Viadrina (2001). Das große Forschungsprojekt sollte in einem Buch enden. Das Manuskript ist fast druckreif fertiggestellt. Der Historische Verein will sich zur Erinnerung und im Vermächtnis Friedrich Lotters um die Drucklegung des fast 400 Seiten umfassenden Werkes bemühen.

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