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Nazis vereinnahmen Fontane

Vom Bildschirm abfotografiert: Mit diesem Konterfei wird für die Neonazi-Demo im kommenden Jahr geworben. Fontane hätte das vermutlich nicht gutgeheißen.
Vom Bildschirm abfotografiert: Mit diesem Konterfei wird für die Neonazi-Demo im kommenden Jahr geworben. Fontane hätte das vermutlich nicht gutgeheißen. © Foto: Daniel Dzienian / MZV
Daniel Dzienian / 22.07.2014, 18:56 Uhr
Neuruppin (RA) Rechtsextreme verwenden auf Werbematerialien zurzeit das Konterfei von Theodor Fontane. Vor allem der für den 6. Juni 2015 in der Stadt geplante sogenannte "Tag der deutschen Zukunft", zeigt den berühmten Sohn der Stadt samt einem Zitat von ihm.

Eine rechtliche Handhabe gegen die Verwendung besteht allerdings nicht. Der 1889 verstorbene Literat genießt heute keinerlei gerichtlich durchsetzbare Persönlichkeitsrechte mehr.

"Eine unzulässige Vereinnahmung durch rechtsextremistische, fremdenfeindliche Gruppen", nennt diese Praxis Dr. Regina Dieterle, die in der Schweiz lebende Vorsitzende der Theodor-Fontane-Gesellschaft dennoch. Die Gesellschaft habe von der angekündigten Neonazi-Demo im kommenden Jahr Kenntnis. "Der Vorstand der Theodor Fontane Gesellschaft hat auf seiner Sitzung vom 20. Juni beschlossen, gemeinsam mit der Fontanestadt Neuruppin sich gegen die Vereinnahmung Fontanes zu wehren und im Zusammenwirken mit der überparteilichen Vereinigung "Neuruppin bleibt bunt!' Gegenmaßnahmen zu entwickeln." Dieterle erklärte weiter: "Fontane war weltoffen und gesellschaftskritisch, ein großer Psychologe, der die menschliche Seele in all ihren Facetten kannte. Das Engstirnige, Einseitige, Eindimensionale war ihm zutiefst zuwider."

Der Grund, warum Rechtsextreme den wichtigsten Vertreter des deutschen Realismus für ihre Zwecke einsetzen, dürfte in einigen Publikationen liegen, die dem Literaten eine Nähe zum Antisemitismus unterstellen. Ebenso viele widerlegen das. Der auf deutsche Geschichte spezialisierte US-amerikanische Historiker Gordon A. Craig erklärte etwa 1997 in einem Interview zu seinem neu erschienenen Buch "Über Fontane": "Ich halte ihn nicht für einen Antisemiten. Er teilte die Schwächen seiner Zeit, und er teilte sie uns mit."

Die Verwendung berühmter Autoren hat Tradition. Im Dritten Reich haben Nationalsozialisten große Autoren, hauptsächlich Vertreter der deutschen Klassik, für ihre Zwecke genutzt und interpretiert. Beobachter der heutigen rechten Szene haben in Internetportalen auch immer wieder Bilder unterschiedlicher Schriftsteller wie Goethe oder Hermann Hesse ausgemacht. (Seite 4)

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Frank 23.07.2014 - 16:59:02

Falscher Weg

man muss sich damit abfinden, dass der Antisemitismus in früheren Jahren bei Mächtigen und auch Kulturschaffenden weit verbreitet war. Sogar von Martin Luther gibt es da Einiges zu zitieren. Jene Äußerungen heutzutage in einem unehrlichen Geschwurbel umzudeuten ist lächerlich und bewirkt eher noch das Gegenteil.

Peter Bramböck 23.07.2014 - 16:45:52

Nazis vereinnahmen Fontane

Vielleicht könnte man (= die Offiziellen der Stadt) den renommierten Fontane-Herausgeber und -Forscher Gotthard Erler bitten, rechtzeitig vor dem Neonazi-Aufmarsch auch in Neuruppin seinen Vortrag "Fontane und die Juden" zu halten, um jedwedem Antisemitismus, den man aus einigen Fontane-Briefen herauslesen könnte, den Wind aus den Segeln zu nehmen!

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