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Doris Steinkraus 16.11.2014 18:07 Uhr
Red. Seelow, seelow-red@moz.de

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Widerstehen mit Folgen

Seelow (MOZ) "Befreit zum Widerstehen" ist das Motto der diesjährigen Friedensdekade der Kirchen. Zehn Tage lang treffen sich jeden Abend Christen. Am Freitagabend hatte die Seelower Kirchengemeinde Gilbert Furian eingeladen, der anschaulich erzählte, was Widerstehen in der DDR bedeutete.

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Jetzt als Buch: Weil er Interviews mit Ostpunks zusammengetragen hatte, saß Gilbert Furian einst im Stasi-Knast.

© MOZ/Doris Steinkraus

Otto Sette war ein Landwirt in Golzow. Er gehörte zu den wenigen, die 1959 schon einen Fernseher hatten. Oft kam Besuch, um gemeinsam in die Ferne zu sehen - bevorzugt den westlichen Sender. Der Blick "nach drüben" wurde noch spannender mit dem Mauerbau 1961. Was für den Golzower und seinen Sohn Martin schwerwiegende Folgen haben sollte. Vater Otto kam für zwei Jahre und drei Monate, sein Sohn für ein Jahr und zwei Monate ins Gefängnis. Ihr Vergehen? Im Urteil war zu lesen: "Sie ermöglichten es Bürgern aus Golzow, sich Sendungen des Westberliner Fernsehfunks anzusehen, wobei es sich zum größten Teil um Hetzsendungen wie Abendschau, Tagesschau und andere handelte."

Friedrich Gronau wohnte auch in Golzow. Als Maschinenschlosser baute er mit an der Brücke in Küstrin, war in der Maschinenausleihstation (MAS) in Golzow tätig, wurde dort wegen politischer Unzuverlässigkeit entlassen. Er ging ins Stahlwerk Henningsdorf, wo er herausfand, dass er für Panzer Stahl walzte. Er, der Mutter sowie Frau und Kind auf der "Gustloff" verloren hatte, wollte keinen neuen Militärstaat. Er verteilte Flugblätter und bekam die Quittung. Von 1952 bis 1964 saß er im Gefängnis Brandenburg ein. Gilbert Furian hat unzählige solcher Schicksale aus ganz Ostdeutschland zusammengetragen. Er saß selbst zwei Jahre und drei Monate im Stasi-Knast. Schon in der Schule fiel er mit seinem Drang zur Meinungsfreiheit auf, wurde aus der FDJ ausgeschlossen, durfte zunächst nicht studieren, lernte Verkehrskaufmann, ging dennoch zur Armee, um sich die Zukunftschancen nicht ganz zu verbauen. Danach durfte er doch Philosophie in Leipzig studieren, wurde aber - wieder wegen seiner Diskussionen in Studentenrunden - kurz vor Schluss exmatrikuliert. In Berlin arbeitete er in seinem Beruf und blieb Systemkritiker. Er interviewte Punks und wurde für das daraus entstanden Blattwerk, das er über seine Mutter auch Freunden im Westen zukommen lassen wollte, verhaftet. Dennoch wollte er nie in den Westen, sondern in seinem Heimatland verändern, erzählt er.

Als 1989 die Mauer gefallen war, rief Furian, der von 1991 bis 2000 mit seiner Frau, der Pastorin Katharina Furian, in Golzow lebte, im Radio ehemalige politische Häftlinge auf, sich bei ihm zu melden. In seinem Buch "Mehl aus Mielkes Mühlen" lässt er sie zu Wort kommen. Es gehe ihm nicht um Rache, betont er. Er hat nach der Wende auch einstige Vernehmer und Wärter aufgesucht, wollte wissen, warum sie so und nicht anders gehandelt haben. Erstaunlich viele öffneten sich ihm, füllen Seiten im Buch.

"Wir neigen zum barmherzigen Vergessen", sagt er. Er will die Verschiedenheit der handelnden Personen, das zum Teil völlig überzogene Vorgehen der Staatsmacht zeigen. Sieben Monate saß er allein in U-Haft. Die Vernehmer hatten sich zu jener Zeit längst auf das psychologische Kleinkriegen der Delinquenten spezialisiert. Er selbst habe die Zeit dennoch ohne schwere innere Wunden überstanden - Dank auch seines Glaubens. "Nur geschlossene Türen ertrage ich bis heute nicht, und ich sehe mir keine Gefängnisfilme an", sagt Furian. Er führt seit Jahren Gruppen durch das Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen, dessen Schrecken sich heute kaum noch jemand vorzustellen vermag.

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