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Angela Kowalick 10.02.2015 04:45 Uhr
Red. Bernau, bernau-red@moz.de

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"Es fängt schon im Alltag an"

Biesenthal (MOZ) Persönliche Fotos, die die Teilung der Stadt Berlin dokumentieren, waren seit dem November im Biesenthaler Kulturbahnhof zu sehen. Die Finissage am Sonntag bot neben Vorträgen auch Gelegenheit für Gespräche über "Die Ideale der DDR-Bürgerbewegung".

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Im Gespräch: Detlef Matthes, Moderatorin Anne Rauhut, Sebastian Gerhard und Christina Wendt (v. l.) bei der Diskussion mit den rund 45 Zuhörern im Biesenthaler Kulturbahnhof

© Angela Kowalick

Sebastian Gerhard war zur Wendezeit selbst ein politischer Aktivist. Heute führt er Besucher unter anderem durch die Berliner Ausstellung "Topographie des Terrors". In Biesenthal erzählte er von den verschiedenen oppositionellen Gruppierungen, die schon lange vor dem Mauerfall in der DDR agierten. Wenige hätten die DDR damals völlig in Frage gestellt. Vielen Aktivisten sei es schlichtweg um Reformen gegangen. Manche Gruppen kritisierten die Rüstungspolitik, andere setzten sich für Menschenrechte ein.

Die politischen Ereignisse in Polen und Ungarn, die gefälschte Kommunalwahl und die Ausreisepolitik brachten im Sommer 1989 aber auch Menschen auf die Straße, die sich bis dato auf ihren Alltag konzentriert hatten. Für viele war die Reisefreiheit im Herbst 1989 der Dreh- und Angelpunkt. Sebastian Gerhard fragte am Sonntag in die Runde: "Waren die Ausreisenden Oppositionelle?" Vermutlich nicht. All den Menschen auf der Straße sei es eher um Reformen gegangen.

Die Monate nach dem Mauerfall beschrieb Christina Wendt vom Demokratischen Jugendforum Brandenburg im zweiten Vortrag als eine "Zeit mit zuviel Überreizung". Wendt zitierte dazu Zeitzeugenberichte aus ihrer Recherche "blühende Landschaften", die auch online unter http://landschaften.djb-ev.de/ nachlesbar sind. Die Sozial-, Wirtschafts- und Währungsunion wurde zügig vollzogen. Manche Menschen seien dabei auf der Strecke geblieben. So ging Wendt auch der Frage nach, wieso es nach 1989 verstärkt zu ausländerfeindlichen Übergriffen gekommen war.

Anstelle einer Podiumsdiskussion kam das Publikum anschließend an mehreren Thementischen mit den Referenten und mit Detlef Matthes ins Gespräch.

Matthes hatte die ausgestellten Fotografien 1987 im Alter von 19 Jahren gemacht. Die oft unscharfen Schwarz-Weiß-Aufnahmen vermitteln dem Betrachter deutlich das hektische Gefühl, dass Matthes beim Fotografieren empfunden haben muss. Das Ablichten von Grenzanlagen war bei Strafe verboten. "Ich wollte wissen, wie es in Westberlin aussieht", erklärte Matthes am Sonntag. "Die Mauer war zwangsläufig immer drauf." Aufnahmen aus der S-Bahn und nahe den Bahnhöfen Schönhauser Allee, Bornholmer Straße und Friedrichstraße vermitteln so einen Eindruck der Teilung.

Detlef Matthes wurde 1987 schließlich festgenommen. Doch im Rahmen der Amnestie, die Erich Honecker anlässlich seines BRD-Besuchs erteilte, kam auch Matthes bald wieder frei. Der in Biesenthal aufgewachsene junge Mann stellte einen "Antrag auf einmalige Ausreise" und durfte im Frühjahr 1988 nach West-Berlin ausreisen.

Auch an den anderen Tischen erinnerte man sich an die Zeit um 1989, diskutierte über die Ideale und ob sie umgesetzt wurden.

"Wo bräuchte es heute eine Wende?", fragte Anne Rauhut, die den Nachmittag moderierte. Detlef Matthes plädierte dafür, den Fokus weniger auf Wachstum und mehr auf den Verzicht zu legen. Für Christina Wendt ist das gleichberechtigte Zusammenleben von Menschen noch ausbaufähig. Sebastian Gerhard verwies auf heutige Ungerechtigkeiten, die sich zum Beispiel am Arbeitsplatz zeigen können. Menschen sollten sich seiner Meinung nach auch bei heutigen Problemen stärker politisch agieren und sich wehren. Er betonte: "Es fängt schon im Alltag an."

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